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Full text of "Der Getreideterminhandel in Deutschland vor und seit der ..."

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EXCHANGE 




>er Getreideterminhandel 

in Deutschland 

vor nnd seit der Beichsbörsengesetzgebimg 



Inaugural-Dissertätioii^ ^ 



zur 
Erlangmig der Doktorwürde 

der Hohen Philosophischen Fakultät 

der 

Vereinigten Friedrichs - Universität Halle -Wittenberg 

vorgelegt von 

Walter If^inner 

aus Berlin 



Halle 1914 



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• 4 



^ow^u-aA 



Referent: Geh. Regiernngearat Professor D. I. Conrad. 



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9«^ 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Einleitung 1 

A. Darstellung und wirtschaftliche Bedeutung des Getreidetermin- 
handels 2 

I. Darstellung des Getreideterminhandels 2 

a) Die Unterscheidung des Getreideterminhandels vom effek- 

tiven Zeithandel 2 

b) Die Handelsbedingungen des Getreideterminhandels . . 4 

Fungibilitat der Ware 4 

Einheits- und Minimalquanten ' . 9 

Lieferungstermine 9 

Sonstige Vertragsbestandteile 11 

c) Kündigungs- und Liquidationseinrichtungen 12 

IL Wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels ... 14 

a) Das Verhältnis des Terminhandels zum Effektivhandel 14 

b) Sicherungsgeschafte 16 

c) Spekulationsgeschäfte 22 

d) Arbitragegeschäfte 28 

III. Angriffe gegen den Terminhandel in Getreide 32 

B. Der Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen vor 

der Beichsbörsengesetzgebung 35 

Königsberg 37 

Danzig 38 

Stettin . 40 

Hamburg 41 

Köhi 42 

Posen 43 

Breslau 45 

Prankfurt a. M 47 

Mannheim ...>.. 48 

Berlin 48 

C. Die Börsengesetzgebung 50 

a) Die Forderung gesetzlicher Eingriffe und die Börsenenquete- 
kommission 50 

b) Das Börsengesetz vom 22. Juni 1896 55 

c) Die Auflösung der Berliner Produktenbörse und das Handels- 
rechtliche Idefening^eschäft 57 

d) Die Wirkung des Terminhandelsverbotes in Getreide ... 66 

e) Die Beform des Börsengesetzes; die Novelle vom 8. Mai 1908 71 

f ) Das Handelsrechtliche lieferung^eschäft an den deutschen 
Produktenbörsen seit der Börsengesetznovelle von 1908 . . 79 

g) Die rechtliche Natur des Handelsrechtlichen lieferungsge- 

sohäftes auf Grund der Börsengesetznovelle vom 8. Mai 1908 81 

h) Das Ergebnis der Beichsbörsengesetzgebung 86 

Ldteratur 87 



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Einleitnng. 

Unteor Börsenterminhandel verstehen wir die Form des Bör- 
senhandels, nach welcher Zeitgeschäfte zu typischen Bedin- 
gungen abgeschlossen werden, so daß man eine lieferungs- oder 
Empfangsberechtigung leicht erlangen und sich durch ein Gegen- 
geschäft leicht wieder eindecken kann. Der Terminhandel be- 
herrscht sowohl die Effektenbörse als auch den Welthandel 
in Massenartikeln an den verschiedensten Warenbörsen, 

Die wirtschaftliche UnentbehrUchkeit des Getreidetermin- 
handels ist in der Geschichte der deutschen Börsengesetzgebung 
offensichtlich geworden. Schärfer als es theoretische Erörterungen 
je vermocht hätten, bewiesen die Wirkungen des Börsengesetzes 
von 1896 den Gegnern des Getreideterminhandels, daß dieser 
für den Handel nicht ein Instrument leichtsinnigen Börsenspiels 
ist, sondern gewichtige handelstechnische Aufgaben zu erfüllen 
hat. Die polemische Diskussion ist daher zum Stillschweigen 
gekommen, und diese Arbeit verfolgt nicht die Absicht, sie weiter 
fortzuführen. Vielmehr wollen wir den deutschen Getreidetermin- 
handel einer historischen Betrachtung unterziehen. Wir hoffen 
allerdings, daß dadurch manch neues licht auf seine wirtschaft- 
liche Bedeutung fällt, und daß die Arbeit geeignet sein könnte, 
manches Vorurteil gegen den Getreideterminhandel zu zerstören. 
Daneben haben wir uns in dieser Arbeit eine zweite Aufgabe 
gestellt : 

Allerorten, wo sich ein Terminhandel entwickelt hat, stellte 
sich sehr bald in seinem Gefolge das berüchtigte Börsenspiel ein, 
das den normalen Ablauf des Güterverkehrs bedroht. Deshalb 
ist die Geschichte des Terminhandels von gesetzgeberischen Ver- 
suchen b^leitet, den Terminhandel als den Störer der Wirt- 
schaftsordnimg zu beseitigen. Alle solche Versuche sind ge- 
scheitert, weil man es nicht verstand, Terminhandel und Börsen- 
spiel zu trennen, weil man das Hungern statt einer Diät verordnete. 
Zum. ersten Male scheint es der deutschen Börsengesetzgebung 
durch die Novelle vom 8. Mai 1908 gelungen zu sein, in den Be- 

P i n n e r , Qetreideterminhandel. 1 , , C^ r\r\n](> 

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2 Darstellung des Getreideterminhandels. 

Stimmungen für di^ Getreidebörse einen Ausweg zu schaffen, dei 
dem kotweadigeä'^ ind berechtigten Terminhandel seine Freiheil 
bewährt, das S.piel dagegen von der Börse absperrt. Diese unsere 
"i)iiÄsi^ä«iingiBii./&^rün«ien ist die Aufgabe des dritten Teile 
dieser Arbeit. 



A. Darstellung und wirtschaftliche Bedeutung 
des Getreideterminhandels. 

I. Darstellung des Getreideterminhandels. 

Der Terminhandel ist Zeithandel zu typischen Bedin 
gungen; der Geschäftsabschluß zwischen den Kontrahentei 
erfordert nur den Wechsel weniger Schlagworte. Die Abwicklun| 
der Verträge geschieht mdst mit Hilfe organisierter Kündigungs 
und Liquidationseinrichtungen. 

a) Unterscheidung des Getreideterminhandels vom efifektiven 

Zeithandel. 

Der Terminhandel ist eine Fortbildung der im Effektiv 
handel üblichen Zeitgeschäfte. Er kann dort entstehen, wo de: 
effektive Warenverkehr sich in größerem Umfange gleichförmige 
Zeitgeschäfte bedient, so daß für Abschlüsse dieser Art sich eii 
eigener Markt gebildet hat. 

Doch ist es recht schwierig, die Grenze zwischen dem nur den 
Effektivverkehr dienenden Zeitgeschäft und dem Termingeschäf 
festzulegen. Gleichförmige Kontrakte, die von einer anerkannte] 
kaufmännischen Instanz festgesetzt sind, weist auch der Effektiv 
handel überaus häufig auf. Selbst die QuaUtät der Lieferungs 
wäre ist vielfach in allgemein gebräuchhchen Kontrakten, di< 
sich darin durchaus nicht von vielen Terminhandelskontraktei 
unterscheiden, typisch festgelegt. Die Bestimmung von Einheits 
quanten kommt zwar im Effektivhandel als Norm nicht vor 
ist aber praktisch im Großhandel weitgehend durchgeführt 
Andererseits erfolgt die Normsetzung der Einheitsquanten häufig 
erst als Folge eines Bedürfnisses, das sich in dem bereits bestehender 
Terminhandel herausgestellt hat. Kündigungseinrichtungei 
kommen häufig auch im Terminhandel nicht in Gebrauch; sie 
sind erst durch einen starken Terminhandel bedingt. Dahin 
gegen ist die Berechtigung des Verkäufers, durch einen Dritter 
liefern zu lassen, des Käufers, durch einen Dritten empfanger 

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Unterscheidung des Getreideterminhandels vom effektiven Zeithandel. 3 

zu lassen, bereits Recht und Handelsbrauch des einfacfhen Zeit- 
handels. Bei der historischen Untersuchung der Anfänge des 
Terminhandels wird man sich stets auf sein Gefühl verlassen 
müssen, soweit nicht der Terminhandel von der Kaufmannschaft 
bewußt eingerichtet worden ist. Dort, wo er originär aus dem Zeit- 
handel herauswuchs, ist die strenge Scheidung praktisch un- 
durchführbar. BegriffUch scheint uns der Terminhandel dann 
zu beginnen, wenn bewußt imd wiederholt Zeitgeschäfte zu an- 
derem Zweck geschlossen werden, als effektive Ware zu kaufen 
oder zu verkaufen. Der effektive Zeithandel wird dadurch neuen 
Handelszwecken dienstbar gemacht, ohne allerdings seine ur- 
sprünghche und natürhche Aufgabe zu verlieren. Nur kann diese 
mit der Ausbildung eines starken Terminhandels mehr und mehr 

zurücktreten. ^ 

Wir ngimen ^also ein^ m .Zftithan^^M'v^-^nn Tftnninh?^^*^^ 
we nn bewuß t und^ wiederholt Zeitgeschäfte geschlossen werden, je 
welche picht effektiYß_,Iiefe&Uög8geschäf^^ Diese 

Absicht braucht nur bei einer der vertragbchließenden Parteien 
zu bestehen und wird dadurch erreicht, daß man das Geschäft 
mit Hilfe eines Gegengeschäftes durch einen Dritten effektiv 
erfüllen läßt. Andererseits dürfen wir aber als Termin- 
geschäfte nicht nur diejenigen Lieferungsgeschäfte be- 
zeichnen, welche nicht effektive Warenbewegung bezwecken, 
sondern, wofern nur ein Terminhandel vorUegt, haben auch 
die als effektive Zeitgeschäfte gewollten Abschlüsse als 
Termingeschäfte zu gelten. Das ist für die Praxis unum- 
gänglich, denn die Handelsabsicht ist selten zu erkennen;- 
es ist aber auch theoretisch ohne Bedenken, da die Erweiterung 
des effektiven Zeithandels zpim Terminhandel auch das als Effektiv- 
geschäft gewollte Lieferungsgeschäft insofern berührt, als die 
Auffindung eines G^enkontrahenten erleichtert wird. Das tritt 
deswegen ein, weil sich nxinmehr nicht nur effektiver Bedarf 
und effektives Angebot gegenüber stehen, sondern Sicherungs-, 
Spekulations- und Arbitragegeschäfte den Markt vergrößern^). \ 

^) Um unsere Ansicht klarer werden zu lassen, wiederholen wir hier 
dasselbe mit anderen Worten: Ob ein Zeitgeschäft Termingeschäft ist, 
richtet sich danach, ob der entsprechende Zeithandel, d. h. der regel- 
mäßige, allseitig gebräuchliche Abschluß solcher Zeitgeschäfte, Termin- 
handel ist. Ob ein Zeithandel Terminhandel ist, richtet sich danach, 
ob neben den als Effektivgeschäfte gewollten Abschlüssen auch solche 
Zeitgeschäfte in erheblicherer Zahl vorkonamen, die nicht effektive Zeit- 
geschäfte sein sollen« 



1* 

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4 Darstellung des Getreidetermlnhandels. 

b) Die Handelsbedingungen des Getreidetenninhandels. 

Ein Terminhandel kann nur dann vorliegen, wenn für eil 
eingegangenes Engagement jederzeit Deckung zu finden ist. Mai 
kann geradezu den Terminhandel als die Qeschäftsf orm bezeichnen 
welche das Bedürfnis des kaufmännischen Verkehrs befriedigei 
soll, jederzeit ein Engagement eingehen und durch ein Glegen 
geschäft Deckimg nehmen zu können. 

Um eine Lieferungs- oder Äbnahmeverpflichtung zu lösen 
bedarf es eines Gegengeschäfts, durch das einer lieferungsver 
pflichtung eine Empfangsberechtigung und umgekehrt völli| 
gleicher Art entgegengesetzt wird. Der Terminhandel setzt dahe 
allgemein gebräuchliche, gleichartige Verträge voraus. 

Bereits vor der Ausbildung des Terminhandels pflegen di( 
Produktenbörsen zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs Börsen 
Usancen, allgemein gebräuchUche Kontraktformulare, festzn 
legen. Die allgemein als praktisch erkannten, allgemein üblichei 
Abschlußbedingimgen werden zur Norm erhoben. 

FongibiKtät der Ware. Die größte Schwierigkeit, der di< 
Ausbildung des Getreideterminhandels begegnet, ist die mangelnde 
Fungibihtät der Ware. 

Die Qualität des Weizens z. B. wechselt je nach dem Stand( 
der Landwirtschaft, nach dem Klima und der Witterung von On 
zu Ort und von Jahr zu Jahr. Außerdem zerfällt der Weizen ii 
verschiedene Arten, welche die Verwendung zu unterschiedliche! 
Zwecken bedingen. Mehr oder minder verhält es sich so bei allei 
Getreidearten. Verschiedene Qualitäten bedingen aber verschie 
dene Preise, die Nachfrage nach individuell bestimmten Quali 
täten ist im Getreidehandel gar nicht auszuschalten. Deshall 
kann sich ein Getreideterminhandel nicht an allen Börsen und 
nicht in allen Getreidearten herausbilden. Nur dort, wo dem Ge- 
treideverkehr eine einheitliche Qualität zugrunde liegt, ist die 
Warenfungibilität zwanglos gegeben. 

Diese Bedingungen waren allerdings um die Mitte des 19. Jahr- 
himderts recht leicht erfüllt; war doch der Getreidehandel dei 
deutschen Börsenplätze auf die nicht gar zu verschiedenen Quali- 
täten ihrer beschränkten Verkehrsgebiete angewiesen. 

Die Qualitätsbestimmungen waren daher zunächst ganz 
allgemein gehalten. Gut und gesund mußte die Ware sein, 
QuaUtäten, welche auffällige, unliebsame Unterschiede auf- 
wiesen, schloß man entweder ein für allemal aus, so in Berlin 



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Ftmgibilität der Ware. 5 

den gedarrten russischen Boggen, oder es wurde ihnen je nach 
Bedarf durch Privatvereinbarung oder Beschluß der offiziellen 
Sachverständigen die Lieferungsfähigkeit abgesprochen. In 
Breslau erklärten die vereidigten Sachverständigen für den 
Getreidehandel im ^ahre 1873 den russischen Boggen, da man 
ihn brauchte, für Börsenzwecke als lieferbar, sofern derselbe 
nicht gar zu kleinkörnig ausfiel imd nicht gar zu viel ausgewachsene 
Kömer enthielt; 1874 dagegen erhöhten sie angesichts der guten 
inländischen Boggenemte ihre Ansprüche an die QuaUtät ken- 
traktUchen Börsenroggens imd schlössen gewöhnUchen russischen 
Boggen aus, sofern er nicht durch inländische Frucht aufge- 
bessert war*). Selbst die Festsetzung von Minimalgewichten 
scheint nicht dringend erforderlich gewesen zu sein, denn 1859 
muß die Handelskammer von Breslau berichten, daß infolge 
schlechter Kömerbildung der schlesische Weizen so leicht gewesen 
sei, daß in Stettin die sonst sehr beUebte schlesische Ware bei 
Lieferungsgeschäften gewöhnUch durch besonderes Abkommen 
ausgeschlossen wurde. 

Erst die Vollausbildung des europäischen Bahnnetzes, der 
überseeische Imx>ort seit den 60 er und 70 er Jahren haben diese 
naturgegebene FungibiHtät zerstört. Vor allem aber führte 
die verbesserte Mühlentechnik zu sorgfältigerer Bewertung der 
QuaUtätsdifferenzen und Ueß Wertunterschiede entdecken, die 
vorher nie beobachtet waren. 

So stellte sich mehr und mehr die Notwendigkeit heraus, 
zum Zwecke des Terminhandels die Fungibilität der Ware künst- 
Hch zu verstärken. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika 
bot das System der einheitUch kontroUierten Elevatoren dafür 
ein treffliches Hilfsmittel. Fast die gesamte Weizenproduktion 
des Landes geht durch die Elevatoren, wo sie zu wenigen, ein- 
heitlichen QuaUtäten zusammengemischt wird, so daß der Handel 
nicht mit individuellen Partien, sondern mit wenigen, in der 
Tat fungiblen Sorten zu rechnen hat. In Deutschland dagegen hat 
man sich statt fungibler Warenmassen mit fungiblen Qualitäts- 
vereinbarungen begnügen müssen. Die meist übUche QuaUtäts- 
abrede war Zwangsabrede, d. h. die DurchschnittsquaUtät des 
Verkehrsgebietes, häufig gemäß dem jährUchen Emteausfall, 
war die TerminquaUtät. Allmählich gelangte das QuaUtäts- 
gewicht als immerhin bester QuaUtätsmesser zu ausschlaggebender 



*) Handdskammerberioht von Breslau 1873 und 1874. 

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5 Darstellung des Getreideterminhandels. 

Bedeutung. Seit 1870 setzte sich an den wesentlichsten Börsen 
die Gewichtsfeststellung in kg pro hl durch, seit 1876 die Gewichts- 
kontrolle in g pro Liter auf der NormaUiterschale der Kaiserlichen 
Normaleichungskommission. 

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Hohe der festgesetzten 
Hektohtergewichte den wechselnden Produktions- und Kon- 
sumtionsverhältnissen folgen muß. Die verbesserten Anbau- 
quaUtäten einerseits, die Nachfrage der Mühlen nach besserer 
Ware andererseits zwingen dazu, die Anforderungen an die im 
Terminhandel zur Umsetzung gelangenden WarenquaUtäten 
zu erhöhen. Sonst verhert der Terminhandel seine Grundlage, 
den festen Zusammenhang mit dem Effektivhandel. Denn ob- 
gleich viele Termingeschäfte nicht effektive Lieferung beab- 
sichtigen, so erfordert der Terminhandel doch gi'ößtmöghche 
Garantie paralleler Preisentwicklung zwischen der im Termin- 
handel umgesetzten Ware und der im Effektivhandel meist üb- 
Uohen Qualität, die nur dadurch gewahrt werden kann, daß diese 
meist übhche Qualität selbst Terminqualität ist. Außerdem muß 
jeder Kaufmann zum Schutze vor unberechtigten Preisbewe- 
gungen die gekauften Posten ohne Schaden abnehmen können, 
auch wenn die effektive Abnahme nicht in seiner Absicht gelegen 
hatte. Es ist aber auch ersichtUch, daß die QuaÜtätsanf orderungen 
nicht so hoch gespannt sein dürfen, daß nicht mehr genügend 
Ware sich als heferbar herausstellt. In Danzig hat infolge der 
QuaUtätserhöhung, die durch Ministerialerlaß Bismarcks für das 
Jahr 1889 gleichmäßig für ganz Preußen verordnet war, der Termin- 
handel in inländischem Weizen ganz aufgehört, weil sich ein emp- 
findlicher Mangel an zureichender Ware herausgestellt hatte, 
und ist erst wieder aufgenommen worden, als sich die Kauf leute 
durch Privatvereinbarung verpfhchteten, auf das zu hohe Quali- 
tätsgewicht zu verzichten'). 

Das HektoUtergewicht genügt allein als QuaKtätsbestimmung 
meist nicht. An der Berliner Börse haben die Bestimmungen 
über die Terminqualität viele Zusätze erfahren, seitdem ausländi- 
sches Getreide in stärkerem Maße zum Import gelangte, indem 
z. B. die nur zur Chriesfabrikation geeigneten Weizeosorten aus- 
gesohkwsen wurden. Es ist Voraussetzung und Gbxtndlage des 
Terminhandels, daß die Qualitätsbestimmungen mit Sicherheit 



*) S. die Berichte der Vorstdier der Kaufmannschaft von Danzig 
1888/89 und 1889/90. 



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Fungibilität der Ware. 7 

darauf rechnen lassen können, stets Ware zu erhalten, die von 
den am Terminhandel Beteiligten ohne Schaden zur Verwertimg 
gebracht werden kann. Wenn daher die QuaUtätsbedingungen 
der Berliner Börse um 1890 zu starken Klagen Anlaß gegeben haben, 
so ist das damit zu erklären, daß man einerseits die HektoUter- 
gewichte nicht genügend erhöht hatte, andererseits nicht mit den 
Quahtäten gerechnet hatte, welche der außerordentlich gesteigerte 
Import ins Land brachte. Es war auch im Int^esse der Erhaltimg 
des Terminhandels selbst erforderUch, daß die Börse nach diesen 
schlimmen Erfahrungen die Bedingungen dahin änderte, daß 
Schädigungen der Mühlen durch für sie schwer verwendbare 
Ware vermieden wurden. 

Nicht überall ist die Fungibilisienmg ausreichend durchführ- 
bar. Der Müller ist vielfach bemüht, Mischungen zwischen kleber- 
reichen und kleberarmen Sorten herzustellen, und kauft zu diesem 
Zweck bestimmte Quanten der einzelnen „Provenienzen'". In 
dieser Beziehung hat z. B. der argentinische Weizen seinen be- 
sonderen Wert für ihn, so daß er nicht nordamerikanischen, 
russischen oder australischen Weizen an seiner Stelle erhalten will, 
obwohl er aller dieser Sorten ebenfalls bedarf, und obwohl ihr 
Marktwert der gleiche sein kann. Sind dagegen alle diese Sorten 
zum Terminhandel zugelassen, so fehlt dem Händler wie dem Müller 
jede Möglichkeit der Berechnung, welche Sorte er auf einen Ter- 
minkauf hin erhalten wird. Man ist dieser Schwierigkeit z. B. 
in Liverpool, wo die verschiedensten Quahtäten zusanmienströmen, 
dadurch b^^net, daß man dem Terminverkehr den nord- 
amerikanischen roten Weizen zugrunde gelegt hat. Wo aber an 
anderen Weltbörsen nicht eine bestimmte Qualität die Oberhand 
im Effektiwerkehr erlangt hat, da sind die Voraussetzungen 
eines Terminhandels nur imvollkommen gegeben. In Berlin 
stützte sich seit jeher der Terminverkehr fast ausschUeßUch 
auf den verhältnismäßig gleichmäßigen einheimischen Weizen, 
der von den Binnenmühlen hauptsächUch vermählen wird, während 
ausländische Sorten nur zur Ergänzung herangezogen werden. 
Die starken Andienungen ausländischen Weizens, die vor dem 
Börsengesetz von 1896 so viel Ärger hervorriefen, sind im wesent- 
lichen auf die außergewöhnUch schlechte Ernte des Jahres 1891 
zurückzuführen und sind Ausnahmen gebUeben. 

Bemerkt sei hier noch, worauf wir an anderer Stelle naher 
eingehen, daß die Beschränkung des Terminhandels auf einzelne 
Quahtäten den Zusammenhang des Terminmarktes mit dem 



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g Darstellung des Getreideterminhandels. 

Weltmarkt nicht zu zerstören vermag, da die Preisbewegung 
für die verschiedenen QuaHtäten annähernd parallel verläuft. 

Versucht man also, durch die Beschränkung des Termin- 
handels auf bestimmte Qualitäten die Ware zu fungibilisieren, 
so wird dieses Ziel nicht immer vollständig erreicht. Dem Getreide- 
handel stehen fast nirgends genügend Warenvorräte zur Verfügung, 
die man imeingeschränkt als fungibel bezeichnen dürfte. Man 
sucht dann die Fimgibihtät dadurch herzustellen, daß die Ab- 
weichungen der Qualitäten von der Normaltype in Geld ver- 
gütet werden. So gilt für das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft 
an den deutschen Getreidebörsen die Bestimmung, daß Mehr- 
oder Minderwert bis zu 2 Mark gegenüber der NormalquaUtät 
nach dem Urteil der Sachverständigen die lief erbarkeit unbe- 
rührt lassen. Und die Lieferungsbedingimgen des Londoner 
Weizenterminhandels Ueßen neben 3 Hauptprovenienzen noch 
die Lieferung einer großen Reihe anderer Provenienzen in einem 
Wertverhältnis zu, das von den Sachverständigen zu bestimmen 
war*). 

Es ist daher zutreffender, die Fungibilität nicht so sehr 
in der Ware selbst als vielmehr in den Qualitätsbedingungen zu 
suchen, denen sich alle am Terminhandel Teilnehmenden in gleicher 
Weise unterwerfen. 

Wir müssen überhaupt darauf hinweisen, daß für den Termin- 
handel die Gleichmäßigkeit der Vertragsbestimmungen erforder- 
Uch, aber auch genügend ist. Auf den Inhalt der Vertrags- 
bestimmungen kommt es erst in zweiter Liiiie an, er kann 
in gewisseii Grenzen jederzeit ohne Schaden umgeändert werden. 
Wesentlich ist nur, daß die einmal gewählte Form stets 
allgemein innegehalten wird. Sonndorfer veranschaulicht 
das schlagend, indem er von der „Fungibilität der Verträge** 
spricht^). Der Ausdruck ist insofern allerdings nicht ganz zu- 
treffend, als die Vertragsbestandteile: Preis imd Vertragsparteien, 
nicht fungibilisiert werden können. Innerhalb dieser Grenzen 
jedoch ist die Fungibilisierung voll durchgeführt. Man handelt 
in der Tat, wenn wir den Ausdruck mit der nötigen Einschränkung 
übernehmen dürfen, fertige Verträge. Der Sprachgebrauch 
der Börse trägt dem auch vollkommen Rechnung, indem er nicht 



*) Deutsohländer-Kunis: a. a. O. S. 29. Der Londoner Getreide- 
terminhandel ist bereits wieder eingegangen. Wir kommen auf ihn an 
an anderer Stelle zurück. 

») „Die Warenbörsen" S. 22. 



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Lielerungstermine. 9 

von dem Kauf von 60 oder 100 Tonnen spricht, sondern von dem 
Kauf eines oder zweier Schlüsse. 

Einheits- nnd Minimalqaanten. Die Festsetzung von Minimal- 
quantitäten, die dem Handel zugrunde hegen, war am Getreide- 
terminmarkt imumgänghch notwendig. Am Effektenmarkt dient 
die Beschränkung auf die Schlußeinheiten von 15 000 Mark 
nominal oder dem Vielfachen davon nur der rechnerischen Be- 
quemhchkeit und dem Ausschluß der Kleinspekulation. Ein 
zwingender Grimd zur VereinheitUchung der gehandelten Quanten 
liegt nicht vor; die Skontration am Ultimo könnte ebenso mit 
unabgerundeten Quanten geschehen wie mit den abgerundeten. 
Anders am Warenmarkt, denn hier würde es technisch nichluzu 
ertragende Schwierigkeiten mit sich führen, z. B. bei der Begut- 
achtung durch die Sachverständigen, wollte man eine tonnen- 
weise Andienung gestatten. Der Großhandel kann die Ware nur 
in großen, gleichmäßigen Quantitäten verwerten, und der Zwang 
zur Andienung großer zusammenhängender Posten bringt es 
naturgemäß mit, daß auch die Geschäftsabschlüsse nur über große 
Posten erfolgen können. 

Doch mag es zur Illustration dienen, daß z. B. während der 
ersten, noch schwachen Entwicklung des Terminhandels in Wien 
die Kündigungen durchaus uneinheitHche Quanten aufwiesen: 
„Es wurden nicht bestimmte Mengeneinheiten, runde Quantitäten 
gekündigt, sondern wirr durcheinander, abgesehen von den runden 
Quantitäten von 500, 1000, 2000, 2600, 5000 Meterzentnern auch 
Quantitäten von 200, 800, 1460 Meterzentnern ; es wurden nicht 
nur Meterzentner gekündigt, sondern auch Wiener Zentner, Zoll- 
zentner, Metzen, alles durcheinander* '•). 

Lieterungstermine. Wenn wir imser Augenmerk auf die im 
Getreideterminhandel übUchen Termine richten, so können wir 
ohne Schwierigkeiten erkennen, daß die Abweichungen vom 
EfFektenverkehr dadurch begründet sind, daß wir es mit einem 
Konsum-Massengut zu tun haben, während Effekten auf das 
leichteste bewegUoh und vielfach von begriflfUch ewiger Lebens- 
dauer sind. Der Unterschied der Beweghchkeit zeigt sich am 
schärfsten in der Tatsache, daß sich der Lieferungsvorgang 
an der Effektenbörse an einem Tage, am Ultimo, abspielt, während 
der Getreideterminhandel in Deutschland ursprüngHch dem 



•) Sten. Protokoll der österreichischen Börsenenquete I, 207 f. Aus- 
sage des Sachverständigen Horowitz. 



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10 Darstellung des Getreideterminhandels. 

Verkäufer zwei Monate als Lieferungsfrist stellen mußte. Erst 
1893 glaubte man der Verbesserung der Wasserstraßen und des 
Eisenbahnverkehrs soweit Rechnung tragen zu dürfen, daß man 
die Zweimonatstermine endgültig durch Eimnonatstermine er- 
setzte, wenn, man auch bereits vorher vielfach auf Einmonats- 
termine gehandelt hatte. 

So lange der Getreideverkehr auf die Wasserstraßen ange- 
wiesen war, war ein Terminhandel auf einen Wintertermin ausge- 
schlossen. Der Handel mußte mit der SchHeßung der Schiffahrt 
rechnen und konnte andererseits die freie Wasserzufuhr für den 
Terminverkehr nicht entbehren. Wir finden daher in dieser Zeit 
die Beschränkung auf Frühjahr und Herbst: Im letzteren stehen 
die Vorräte aus der neuen Ernte der näheren Umgebung des 
Börsenplatzes zur Verfügung, im ersteren die Schiffstransporte, 
die bei Beginn der Prühlings-Schiffahrt abgeladen werden. Die 
Ausbildung des Eisenbahnwesens hat dann den Getreidehandel 
mehr und mehr von den Schiffahrtsverhältnissen unabhängig ge- 
macht. In den Jahren 1850—1870 hat in Deutschland ein Binnen- 
verkehr in Getreide stattgehabt, der heute selbst durch Staffel- 
tarife nicht durchzusetzen ist. Der Osten versorgte Mitteldeutsch- 
land und überaus häufig das Rheingebiet. Die Bahnfrachten 
waren zwar teurer als jetzt, doch fanden die Getreidetransporte 
auf den schlechten Wasserstraßen bei mehrfachem Umschlag, 
zumal in Anbetracht der unberechenbaren Transportdauer, keinen 
biUigeren Weg. Der Terminhandel Breslaus und Posens stützte 
sich in hohem Grade auf den weitreichenden Bahnversand. Aber 
auch der Berliner Getreideumschlag vom deutschen Osten nach 
Mitteldeutschland, der früher den Schiffahrtsverhältnissen gefolgt 
war und sich unter den veränderten Verkehrsbedingungen auf 
alle Monate des Jahres ausdehnte, brachte es mit sich, daß in 
Berlin ebenfalls alle Monate des Jahres in den Terminhandel 
einbezogen wurden. Die Bedeutung der Eisenbahnen wurde erst 
zurückgedrängt, als das überseeische Getreide vermittels der 
außerordentüch erniedrigten Frachten über Rhein, Weser und 
Elbe ins Land eindrang, imd nachdem auch die Zuverlässigkeit 
der Binnenwasserstraßen sich durch Kanalisationen verstärkt 
hatte. 

Für die Bestimmung der im Terminhandel übHchen Termine 
spielt jedoch noch ein zweites Moment mit, das in der jähr- 
lichen Konsumtion und Neuproduktion des Getreides gegeben 
ist. In dieser Hinsicht sind einige Monate von besonderer 



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Sonstige Vertragsbestandteile. \\ 

Bedeutung für dia Statistik der Produktion und der Bestände. 
Auf diese Termine konzentrierte sich mehr und mehr der Um- 
satz an den Terminmärkten, bis man schließlich den Handel 
auf die Zwischenmonate überhaupt aufgab. 

Von statistischer Bedeutung ist vor allem der Herbsttermin, 
der das Resultat der europäischen Ernte erkennen läßt, und 
das Frühjahr, dem die Zeit des Winterdrusches vorangeht, und 
wo eine Schätzung der für den Sommer verfügbaren Vorräte 
mögUch ist. Dazu trat bald der JuH, dessen Preise davon abhängen, 
in welchem Maße die Ernte des Vorjahres bis zur neuen Ernte 
ausreicht. SchließHch ist noch der Dezember zu einiger Bedeutung 
gekommen, seitdem die Ernte Argentiniens auf dem Weizen- 
markte eine wesentliche Bolle spielt, da um diese Zeit der Ausfall 
der argentinischen Ernte bereits einigermaßen zuverlässig ge- 
schätzt werden kann. 

Zu den Eigenheiten des Terminhandels gehört es, daß 
die Liefenmgstermine als fix zu behandeln sind, das heißt, 
daß das Geschäft bis zum Ablauf der Lieferungsfrist erfüllt 
sein muß, imd daß eine Nachfrist nicht verlangt werden 
kann. Der Verkehr einer großen Börse kann sich gar nicht anders 
entwickebi, als daß innerhalb des engen Kreises der persön- 
lichen Börsenbesucher die kaufmännische Notwendigkeit, alle 
Verpflichtungen pünktHch zu erfüllen, strengstes Recht ist. 
Eine Nachfrist wird unter Börsenkauf leuten nur in Fällen unver- 
schuldeter Verzögerung der Erfüllungsbereitschaft gewährt; 
davon kann aber im Terminhandel nie die Rede sein, denn es 
Hegt im Wesen des Terminhandels, daß man dort jederzeit für 
ein Engagement Deckung finden kann. Der Käufer im Terminmarkt 
wird daher mit Recht verlangen, daß der Verkäufer sich im 
Terminmarkt eindeckt, wenn er sieht, daß seine Ware, deren 
Andienung im Terminmarkt beabsichtigt war, nicht pünktHch 
herankommen wird. Deshalb sind in der Tat die Termingeschäfte 
stets Fixgeschäfte. 

Wir werden aber bei Besprechung des sogenannten Handels- 
rechtHchenLieferungsgeschäftes,wieesseitl896an den deutschen 
Börsen geschlossen wird, noch erörtern, inwieweit hier gesetzUche 
Bestimmungen von Einwirkung sein können. 

Sonstige Yertragsbestandteile. Die Fixierung der Börsen- 
usancen, also auch der Terminhandelsbedingungen, ist für die 
Börse, abgesehen von der technischen Bedeutung allgemein 
bekannter Geschäftsformulare, darum von wesentHchem Wert, 



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X2 Darstellung des Getreideterminhandels. 

daß sie gestattet, den Geschäftsverkehr mit den Handekkreisen 
außerhalb der Börse in den einheitlichen und strengen Börsen- 
handelsformen heranzuziehen. Diesem Zwecke dient vor allen 
Dingen die Bestimmung, die allen Terminkontrakten eigen ist, 
daß alle Streitigkeiten aus dem Kontrakt von dem Schiedsgericht 
der Börse entschieden werden sollen; für den Börsenkaufmann 
ist das selbstverständlich; das offizielle und obUgatorische Schieds- 
gericht gehört zu jenen stärksten Bedürfnissen des Kaufmanns- 
standes, denen die Entstehung der Börsenorganisationen über- 
haupt zu verdanken ist. 

Keiner weiteren Ausführung bedarf es schUeßUch, daß die 
Fungibihsierung der Abschlüsse auch bis zur Fixierung ein- 
heitlicher Bedingungen betreffs Lieferungsort, Abnahmeverpflich- 
tung, Zahlungsbedingungen, kurz eben des gesamten Kontraktes 
hat durchgeführt werden müssen. 

c) Kfindigongs- und Liquidationseinriehtungen. 

Eine große Bolle spielen im Terminhandel starker Termin- 
börsen die Künd^ungs- und Liquidationseinrichtungen. Sie 
sind jedoch nicht ein wesentUches Merkmal des Terminhandels 
an sich, was schon daraus hervorgeht, daß sie eben nur mit stär- 
kerem Terminverkehr verbunden zu sein pflegen. Vielmehr han- 
delt es sich dabei nur um Erleichterungen der Geschäftsabwick- 
lungen, ähnüch den Clearing-Einrichtungen des Geldverkehrs. 
Das Wesen des Terminhandels besteht darin, daß eingegangene 
Engagements durch Gegengeschäfte gedeckt werden können. 
Eine Lieferungsverpflichtung wird durch die gleichartige Emp- 
fangsberechtigung, eine Abnahmeverpflichtung durch eine gleich- 
artige Lieferungsberechtigung gegenüber einem Dritten gedeckt. 
Ein Schritt weiter ist es, daß aus der MögUchkeit, sich durch ein 
Geschäft mit einem Dritten einzudecken, die Berechtigung 
wird, durch den Dritten erfüllen zu lassen. Aus der Einzeler- 
füllung jedes Vertrages wird mit Hilfe von Giros die Erfüllung 
durch Kettenbildung. 

An der Berliner Börse war bis zu der gründUchen Beform, 
die das Börsengesetz von 1896 indirekt dem Getreideterminhandel 
brachte, die Organisation des Kündigungswesens recht unzu- 
reichend. Während des Lieferungstermins kamen tägUch zu be- 
stimmter Stunde alle am Terminhandel Beteihgten im Kündiguings- 
saal zusammen. Dort wurden die Andienungssoheine, das heißt 
die Anweisungen auf je 50 Tonnen, vom Aussteller an seinen 



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/ Kündigungs- und Liquidationseinrichtangen. X3 

Empfänger g^eben, und konnte nun von Hand zu Hand 
giriert werden. Der letzte Käufer nahm die Ware ab und 
vergütete dem Aussteller des Andienungssoheines den ungefähren 
Wert der Partie, gemäß dem täglich vom Börsenvorstand fest- 
gesetzten Liquidationskurs. Die einzehien Glieder der Kette 
verrechneten dann untereinander die Differenzen zwischen dem 
Liquidationskurs und ihrem Vertragspreis. ^ 

Für den starken Terminverkehr der Berliner Börse genügte 
diese Form des Kündigungswesens nicht. Für die Kündigungen 
jeder Getreideart war täglich eine Viertelstunde festgesetzt, 
deren Ablauf durch ein Glockenzeichen verkündet wurde. Damit 
endete die Berechtigung, dieAndienungsscheine weiter zu girieren. 
Auch am folgenden Tage konnten sie nur weitergegeben werden, 
wenn der Aussteller die Abnahmefrist um einen Tag verlängerte. 
Da die Prolongation aber stets von dem Entgegenkommen des 
Ausstellers abhing und jedenfalls mit Kosten verbunden war, 
entwickelte sich bei großen Andienungen während der Kündi- 
gungszeit ein wildes Gehetze und im Kampfe um die Börsenboten, 
welche die Andienungsscheine zwischen den Kauf leuten hin und 
her zu tragen hatten, ein wüstes Lärmen. Vergeblich bemühten 
sich die Ältesten der Kaufmannschaft um ein besseres Kündi- 
gungsverfahren. Erst als man 1897 auf die offiziellen Kündigungs- 
versammlungen infolge des Börsengesetzes verzichten mußte, 
wurde ein neues, vorzügliches Verfahren ersonnen. 

Seitdem besorgt ein Beamter die gesamte Kündigung. Am 
Anfange des LieferungsterminB übergibt jedß Firma, welche 
Lieferungsverpflichtungen hat, der Zentralstelle ein Verzeichnis 
ihrer Verpflichtungen in der Form bereits ausgestellter Rech- 
nungen an ihre Abnehmer über je 60 Tonnen. Für Verkäufe, 
die während des Lieferungstermins erfolgen, können die Rech- 
nungen täglich nachgeliefert werden. Desgleichen werden alle 
Andienungsscheine an die Zentrale geliefert, welche nun im- 
stande ist, auf Grund der vorliegenden Rechnungen jeden An- 
dienungsschein so lange wandern zu lassen, bis er an eine Firma 
gelangt, welche keine Lieferungsverpflichtung hat, also keine 
Rechnung eingereicht hat. Dieser Firma wird seitens der Zentrale 
der Andienungsschein übergeben, femer allen an der Kette Be- 
teiligten Mitteilung davon gemacht, von wem sie empfangen 
und an wen sie weitergeliefert haben. Die erledigten Rechnungen 
übergibt die Zentrale der Bank des Berliner Kassenvereins, 
bei dem jeder Getreidehändler ein Konto unterhält. Die Bank 



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14 Die wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels. 

überträgt den Wert der Rechnungen auf die Konti ihrer Kunden, 
so daß auch bei dieser Methode eine Geldbewegung nur insoweit 
erfolgt, als Spitzen es unumgänglich erfordern. 

Dieses Verfahren wurde 1897 von einer Privatfirma durch- 
gefürt. Goldenbaum berichtete in seinem Aufsatz über die Auf- 
lösung der Berliner Produktenbörse') darüber. Infolgedessen 
forderte der Oberpräsident die Unterstellung dieses Kündigungs- 
kommissars unter die Börsenaufsicht. Die betreffende Firma' 
weigerte sich der Aufsicht und gab die Kündigungsvermittlung 
auf®). Die Getreidebörse behalf sich einige Zeit ohne jegliche 
Kündigungseinrichtung, indem die Andienungsscheine von Kontor 
zu Kontor getragen wurden. Das war infolge des geringen Termin- 
verkehrs eine Zeitlang möglich, bis schüeßlich der Verein Ber- 
Uner Getreide- und Produktenhändler die Einrichtung wieder 
aufnahm. 



II. Die wirtschaftliche Bedeutung des Getreide- 
terminhandels, 
a) Das Verhältnis des Terminhandels zum Effektivhandel. 

Wenn wir jetzt daran gehen, die Aufgaben darzulegen, die 
das Getreidetermingeschäft zu erfüllen hat, so erinnern wir zu- 
nächst daran, daß der Terminhandel das Zeitgeschäft anderen 
Handelszwecken dienstbar macht als dem unmittelbaren Kauf 
und Verkauf effektiver Ware. Wenn ein Müller seinen Bedarf 
an Weizen im Terminmarkt kauft, um die Terminware abzu- 
nehmen, oder wenn eine landwirtschaftHche Genossenschaft die 
Produktion ihrer Mitglieder im Terminmarkt verkauft und ab- 
Hefert, so werden diese effektiven Zeitgeschäfte nur deshalb zu 
Termingeschäften, weil die Form dieser Geschäftsabschlüsse 
die des Terminhandels ist und dadurch dem Müller bzw. der Ge- 
nossenschaft der Vorteil erwächst, daß sie leichter als sonst 
einen Vertragsgegner finden können. Es ist aber notwendig, 
hier auf den Irrtum aufmerksam zu machen, der von des Börsen- 
verkehrs Unkundigen vielfach begangen worden ist, indem sie 
diese effektiven Zeitgeschäfte in Termingeschäftsform für die 
eigentlich soliden, ja einzig zulässigen Termingeschäfte bezeichnen. 
Sie erkennen nicht, daß hier Termingeschäfte sachlich nur be- 



') a. a. 0. 

») Rüsch: a. a. O. S. 44. 



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Das Yerhältsnis des Tcrminhandcls zum Effektivhandel. 15 

dingt vorliegen, nämlich nur insofern, als der Abschluß dieser 
effektiven Zeitgeschäfte dadurch erleichtert wird, daß eigentliche 
Termingeschäfte, das heißt Abschlüsse zu anderen Handelszwecken 
als dem unmittelbaren An- und Verkauf der effektiven Ware, 
hinzutreten. Diese eigentlichen Termingeschäfte unterscheiden 
sich von den effektiven Lieferungsgeschäften nur im Zweck des 
Abschlusses, nicht in seinem Inhalt; jedes Termingeschäft stellt 
sich dar als ein Lieferungsgeschäft in meist vereinbarter d. h. 
Durchschnittsqualität zum üblichen Ort und üblichen Termin. 
Nur werden diese eigentlichen Termingeschäfte selten in der 
Absicht geschlossen, Anfangs- oder SchlußgUed einer Kündigungs- 
kette zu sein, sondern sie führen nur dann zu einer Warenbewegung, 
wenn diese sich bis zum Lieferungstermin als vorteilhafter er- 
weist als der Abschluß eines Gegengeschäftes. Wir werden noch 
sehen, daß für das Gros der eigentUchen Termingeschäfte dies eine 
Ausnahme bilden muß. 

Das effektive Zeitgeschäft hat im Anfang der Entwicklung 
fast ausschüeßUch den Inhalt des Terminverkehrs ausgemacht; 
das bedeutet soviel, als daß der Terminhandel nur sehr gering 
entwickelt war. Das Neuartige des Terminhandels kommt den 
Kauf leuten, soweit man solches aus den kaufmännischen Berichten 
herauslesen kann, erst zum Bewußtsein, wenn sich z. B. Kaufleute 
entfernter Gegenden an Zeitkäufen beteihgen, während sie offen- 
sichtlich nicht effektiv abzunehmen, sondern nur zu spekulieren 
wünschen. Wo aber der Terminverkehr stark wurde, da trat das 
effektive Zeitgeschäft mehr und mehr zurück, da wurden die Ketten 
zwischen dem Eff ektiv-Lief erer und dem Effektiv- Abnehmer immer 
länger. Die ersten Termingeschäfte schloß man wohl in der Hoffnimg, 
bis zum Lieferungstermin sich durch ein Gegengeschäft decken 
zu können, der starke Terminverkehr stärkte diese Hoffnung zur 
Gewißheit, und nur, wo diese Gewißheit besteht, wird der Kauf- 
mann von Terminhandel sprechen®). 

•) Deshalb werden sehr viele Termingeschäfte im Verkehr zwischen 
dem Börsenkommissionär und seinen auswärts wohnenden Auftraggebern 
durch Zahlung der Differenz zwischen dem Vertragspreis und dem Preise 
des Gegengeschäfts erledigt. Zur Bekämpfung des Börsenspieles lassen 
viele Staaten, auch Deutschland, den „Differenzeinwand" zu, d. h. 
Geschäfte, bei denen vertragsmäßig effektive Lieferung ausgeschlossen ist, 
werden als „Differenzgeschäfte" für klaglos erklärt. Dazu genügt an Stelle 
der ausdrücklichen Festlegung im Kontrakt die stillschweigende Verein- 
barung, die der Richter nach der Eechtsprechung des Reichsgericht 
seit 1892 auch aus dem Mißverhältnis zwischen dem Vermögen des Kon- 



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16 Die wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels. 

b) Sieherungsgesehätte. 

Als die wesentlichste, ureigenste Aufgabe des Terminhandels 
ist die Preissicherung zu begreifen, die er dem Effektivhändler 
ermöglicht. 

Der Händler verkauft am Terminmarkt ein Quantum Ware 
entsprechend einem getätigten Effektivkauf, ohne die Absicht 
zu haben, durch diese gleichzeitig gekaufte Partie die am Termin- 
markt übernommene Lieferungsverpflichtung zu erfüllen. Oder 
umgekehrt, er kauft im Terminmarkt ein Quantum Ware, ohne 
zu beabsichtigen, diese Partie zur Erfüllung einer entsprechend 
übernommenen effektiven liefenmgsverpflichtung zu benutzen. 
Das geschieht dann, wenn Effektivgeschäft und Termingeschäft 
voneinander in Lieferungsqualität, Lieferungsort oder -zeit 
oder irgend einer anderen Vertragsbedingung abweichen. Denn 
stimmen beide Verträge überein, so liegt kein Anlaß, also auch 
kaum die Absicht vor, die beiden Geschäfte nicht durcheinander 
abzuwickeln. Die Preissicherung aber ist dadurch gegeben, 
daß die Preisentwicklung für die beiden gegeneinander getätigten 
Greschäfte meistens parallel verläuft, so daß der Abstand zwischen 
dem Wert der beiden Verträge sich nicht verändert. Unter dieser 
Voraussetzung schHeßt der Händler die beiden Greschäfte, wenn 
durch den Preis des Termingeschäfts ein Grewinn am Effektiv- 
geschäft zu kalkulieren ist, da er hofft, daß die Parallelität der 
Preisentwicklung diesen Gewinn bei den später zu vollziehenden 
Deckungsabschlüssen zum Vorschein kommen lassen wird. 

Nehmen wir an: Ein Bromberger Händler kauft im Novem- 
ber von einem Gutsbesitzer 50 Tonnen Roggen in Durchschnitts- 
qualität, die mit dem ersten Frühjahrswasser verladebereit sein 
sollen. Er offeriert den Roggen nach Danzig, Berlin und Magde- 
burg. Erzielt er den höchsten Preis in Magdeburg, so schließt er 
ein effektives Lieferungsgeschäft zur Lieferung im Frühjahr 
nach Magdeburg ab. Ist dagegen der Preis in Berlin höher, so 
verkauft er dort den Roggen im Terminmarkt auf Frühjahrsliefe- 
rung. Dieser Terminverkauf ist als Sicherungsgeschäft noch nicht 
zu begreifen. Der Bromberger Händler kann und wird voraus- 
sichtlich das Korn in Berlin andienen. Setzen wir nun den Fall, 
die 50 Tonnen seien von schlechter QuaUtät, sie hätten einen 



trahenten und den von ihm gehandelten Quanten schließen kann. Näheres 
darüber folgt bei Besprechung der gesetzlichen Regelung des Börsentermin- 
geschäfts in Getreide. 



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Sicherungsgeschälte. X7 

Minderwert von 10 Mark per Tonne gegenüber Durchschnitts- 
qualität, und der Händler ist sicher, daß sie bei Andienung im 
Terminmarkt für unkontraktlich erklärt würden. Dann ist er 
gezwungen, die Partie nach Probe zu verkaufen, findet aber vor- 
läufig keinen Käufer dafür. Er schließt also in Berlin einen Ter- 
minverkauf, obwohl er ihn mit seinem Boggen nicht erfüllen 
kann, und sichert sich damit den augenblicklichen Preisstand 
für Boggen. Im Frühling schickt er seinen minderwertigen 
Roggen nach Berlin und verkauft ihn dort loco, während er seinen 
Terminverkauf zurückkauft. Ist die Qualitätsdifferenz die gleiche 
geblieben, wie sie im Herbst war, so erzielt der Boggen jetzt 
unter Zurechnung des Gewinnes am Termingeschäft bzw. unter 
Abrechnung dieses Verlustes den im Herbst kalkulierten Preis. 

Natürlich braucht das Sicherungstermingesohäft nicht gleich- 
zeitig mit dem effektiven Gegengeschäft abgeschlossen zu werden. 
Es kommt ganz darauf an, ob der Kaufmann von vornherein 
das Bisiko der Preisbewegung ausschließen will, oder ob er zu- 
nächst spekuliert und erst z. B. bei drohendem Fehlschlagen 
der Spekulation sich zu einem Sicherungsgeschäft entschließt. 

Das Bedürfnis nach Preissicherung ist außerordentlich groß. 
Der deutsche Weizenimporteur muß z. B. Ladungen im Welt- 
markt kaufen, für die er zurzeit keinen geeigneten Abnehmer 
findet, oder er muß dem Müller eine Ladung verkaufen, die er 
entsprechend im Augenblick nicht ankaufen kann. Er muß 
abwarten, bis er das geeignete Gegengeschäft schließen kann. Eben- 
so muß der ostpreußische Exporteur Getreide unverkauft ab- 
laden, wenn er im Augenblick keinen Käufer findet. Nicht alle 
Qualitäten werden jederzeit angeboten, nicht alle jederzeit ver- 
langt, und doch muß der Händler verkaufen, was gefordert wird, 
muß kaufen, was ihm billig angeboten wird. Die Konkurrenz 
zwingt ihn, jederzeit „im Markte zu sein**, dem Konsum jederzeit 
die vollständige „Speisekarte** vorzulegen. Er ist dazu imstande, 
weil er den ungefähren Weltmarktspreis der einzelnen Qualität 
und Provenienz kennt, ihre Lage innerhalb der parallel laufenden 
Preislinien. 

Die Sicherungsfunktion des Terminhandels ist also überall 
dort zu verwenden, wo parallel verlaufende Preiskurven zu er- 
warten stehen. Das gilt von den verschiedensten Beziehungen. 
Die Preise an verschiedenen Märkten, die Preise zu verschiedenen 
Jahreszeiten, verschiedener Qualitäten stehen erfahrungsgemäß 
in wenig schwankendem Wertverhältnis zueinander, auch die 



P i n n e r , Getreidetermlnbandel. ^ 

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18 Die wirtschaftliche Bedeutung des Getreidetenninhandels. 

Preise verschiedener Getreidearten, z. B. des Roggens und des 
Weizens oder der Futtergetreide, verlaufen in Abhängigkeit 
voneinander; schUeßlich löst sich auch der Mehlpreis nur selten 
vom Preise des Rohstoffes los. Allerdings sind solche Preisbezie- 
hungen Schwankungen unterworfen, so daß ihre Verwertung zu 
Preissicherungszwecken für den Kaufmann ein neues spekulatives 
Moment enthält. Dieses Risiko ist jedoch weit kleiner als dasjenige, 
das durch die Preissicherung ausgeschlossen wird, so daß der 
Handel sich ihrer im weitesten Umfange bedient. Darin li^ 
privatwirtschaftlich wie volkswirtschaftlich ein bedeutender 
Vorteil; die Privatwirtschaft des Kaufmanns wird auf eine solide 
Basis gestellt, so daß er imstande ist, seine Risikoprämie und 
damit die Zwischenhandelsspesen entsprechend herabzusetzen. 

Der Terminhandel ist als Sicherungsinstrument des Handels 
zu immer größerer Bedeutimg gelangt. Das Sicherungsgeschäft 
ist recht eigentlich der Ersatz des effektiven Lieferungsge- 
schäfts geworden. Wir haben an anderer Stelle auf die Zunahme 
der QuaUtätsdifferenzierung im Getreideverkehr hingewiesen, 
die sowohl durch die objektive Differenzierung herbeigeführt 
wurde, iudem abweichende Qualitäten durch die Verkehrser- 
weiterung an den Markt gezogen wurden, als auch eine Folge 
subjektiv verfeinerter Wertunterscheidung war. Femer hat sich 
der Terminhandel, der lange Zeit hindurch auf alle Monate des 
Jahres stattfand, auf wenige Termine beschränkt. Beide Momente 
erschwerten die Auffindimg eines endgültigen Kontrahenten, 
so daß viele Geschäfte, die früher den Charakter effektiver Lie- 
ferungsgeschäfte trugen, als Sicherungsgeschäfte geschlossen 
werden mußten. Vor allem aber ist die Entwicklimg des Getreide- 
handels im 19. Jahrhundert dadurch charakterisiert, daß an Stelle 
großer, seltener Spekulationsgewinne der Riesenumsatz mit klein- 
stem Einzelgewinn trat. Der Getreidehändler, der bis zur Mitte 
des 19. Jahrhunderts im wesentlichen Spekulant war, begnügt 
sich mehr und mehr mit dem Verdienste des Kommissionärs. 
Zwar sind die Bewegungen der Preise schwächer geworden, 
die Größe des Einzelgewinnes und Einzelverlustes beschränkter, 
aber riesenhafte Kapitalien wären erforderlich, die summierten 
Risiken der modernen Massenumsätze zu tragen. Die vergrößerte 
SchneUigkeit des Verkehrs, sowohl der Warenbewegung als vor 
allem der Nachrichtenübermittlung, genügt hier nicht, das Risiko 
zu verringern, denn selbst der beste Nachrichtendienst ist häufig 
nicht imstande, einen Gegenkontrahenten für das individuelle 



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Sicherungsgeschäfte. X9 

Geschäft ausfindig zu machen. Deshalb gewinnt der Terminhandel 
seine unersetzliche Bedeutimg dadurch, daß er das unvermeidliche 
Risiko individueller Ware aufzuheben gestattet durch das vor- 
läufige Gegengeschäft, das Sicherungsgeschäft in typischer Ware. 

Vermittels des Sicherungstermingeschäfts befreit sich der 
Händler von dem Risiko der Preisschwankung. Man hat nun 
die Frage aufgeworfen, auf wen das Risiko abgewälzt werde. 
Dem Hegt die Anschauimg zugrunde, daß die Bewegungen der 
Preise für den Handel ein Gefahrenmoment enthielten, das nicht 
behoben, sondern nur übertragen werden könne. Z. B. heißt es 
bei Fuchs^^): Bei großer Händlerzahl „kann sich das Risiko 
allerdings auf diese verschiedenen Händler verteilen, aber auf 
ihnen als Gesamtheit bleibt es doch liegen". 

Diese Anschauung muß als ganz ungerechtfertigt bezeichnet 
werden. Die Bewegung der Preise bedeutet volkswirtschaftUch 
nur soviel, als daß der Übergang des Hajidelsgegenstandes vom 
Produzenten auf den Konsumenten zu verschiedenen Zeiten in 
verschiedener Preishöhe stattfindet. Ein Teil der Produktion 
geht zu höherem Preisniveau als ein anderer Teil in den Kon- 
sum über^^). Hätten wir eine Wirtschaftsorganisation, die ohne 
Zwischenhandel auskäme, so würde das Risiko der Preisbewegung 
allein von den Produzenten und Konsumenten getragen werden, 
indem der Produzent vielleicht teurer verkaufen, der Konsument 
vielleicht billiger kaufen könnte. Dieses Risiko kann nie behoben 
werden, so lange es überhaupt Preisschwankungen gibt. Die 
Sicherungsfunktion des Terminmarkts hat es vielmehr nur mit 
dem Risiko des Zwischenhandels zu tun. Dieses Risiko ent- 
steht dadurch, daß sich der Übergang des Getreides vom Produ- 
zenten zum Konsumenten durch Vermittlung des Händlers abspielt. 
Wenn der Produzent direkt an den Konsumenten verkauft, 
so kommt nur der eine Preisstand in Betracht, zu dem der Kauf 
abgeschlossen ist. Geht die Ware dagegen von dem Produzenten 
auf den Händler über und von diesem erst auf den Konsumenten, 
so kommt sowohl der Preisstand des Einkaufs als auch des Verkaufs 
in Betracht; darin liegt das Risiko des Zwischenhandels, das 
nur aufgehoben werden kann, wenn Ankauf und Verkauf zeitüch 
zusammenfallen können. Wir wissen, daß häufig für indifiduelle 



^^) Der Warenterminhandel S. 71. 

^^) Es handelt sich dabei natürlich nicht um den Preisstand zur Zeit 
des effektiven Überganges, sondern um den Preis des Kaufvertrages. 

2* 

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20 I^iö wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels, 

Geschäfte diese Möglichkeit nicht besteht, sie wird durch den 
Terminhandel vielmehr künstlich geschaffen. So weit die Quanten, 
die der Handel zu einem gegebenen Preisstande vom Produzenten 
kauft und an den Konsumenten verkauft, sich ausgleichen, 
besteht für den Handel als Ganzes ein Risiko nicht. Der Termin- 
handel vermittelt nun, daß der Einzelhändler, der vom Produzen- 
ten gekauft hat, sich mit demjenigen trifft, welcher an den Kon- 
sumenten verkauft hat, so daß sich für das von ihnen gehandelte 
Quantum die Kette zwischen Produzenten und Konsumenten 
schließt. Dadurch ist für diese Quanten die Möglichkeit geboten, 
das Zwischenhandelsrisiko völlig aufzuheben. Es liegt zweifellos 
im Interesse der Volkswirtschaft, daß den Kauf leuten diese Mög- 
Uchkeit unverkümmert gelassen wird. 

Nur insofern, als die Kaufleute vom Terminhandel keinen 
Gebrauch machen, oder als der Handel als Ganzes während eines 
Preisstandes mehr oder weniger vom Produzenten kauft, als er 
an die Konsumenten verkauft, bleibt das Risiko der Preisbewegung 
an ihm haften» In solchem Falle findet keine Aufhebung des 
Risikos statt, sondern derjenige Kaufmann, welcher nicht speku- 
lieren will, überwälzt durch sein Terminsicherungsgeschäft sein 
Risiko auf denjenigen, der es freiwiUig übernimmt, auf den 
Spekulanten. 

Man hört immer wieder die Ansicht, daß Termingeschäfte 
mit Spekulationsgeschäften identisch seien. Um diesem weit 
verbreiteten Irrtum zu begegnen, machen wir hier ausdrücklich 
darauf aufmerksam, daß ein Sicherungskauf durchaus nicht ein 
Kauf k la hausse ist, ein Sicherungsverkauf nicht eine Spekulation 
k la baisse. Das gilt auch in gleicher Weise von den später zu 
behandelnden Arbitragegeschäften. 

Die Funktion der Preissicherung kann der Terminmarkt 
nur dann erfüllen, wenn die Preisentwicklimg für den Gegenstand 
des Effektivgeschäfts mit der Preisentwicklung am Termin- 
markt parallel verläuft. Daher ist die Preissichenmg deutscher 
Händler an ausländischen Terminbörsen außerordentUch ge- 
fährUch. Der Weltmarktspreis wird an den verschiedenen Zentral- 
börsen von den besonderen Produktions- imd Konsumtions- 
verhält'nissen des engeren Verkehrsgebietes erhebUch beeinflußt, 
so daß die Preisentwicklung in Deutschland und Amerika z. B. 
sich auch g^eneinander bewegen kann. Andererseits hat die 
Gestaltung der Preise in Deutschland sich in den verschiedenen 
Teilen des Landes als ziemlich gleichmäßig erwiesen« so daß die 

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Sicherangsgeschäfte. 21 

Berliner Terminbörse zu dem überragenden Einfluß auf ganz 
Deutschland gelangen konnte. Nichtsdestoweniger ist nicht zu 
übersehen, daß ein Terminhandel zum mindesten in -Mannheim 
und Danzig weiterhin seine Bedeutung behält. 

Von welchem Einfluß auf die Ausbildung eines Terminhandels 
die Sicherungsfunktion ist, scheint uns auch n^ativ daraus 
hervorzugehen, daß sich in London kein Terminhandel behaupten 
kann. Dem Londoner Getreidehändler werden jederzeit weit 
mehr Warensorten angeboten als dem deutschen. London ist 
Konsignationsplatz für alle Weizenexportländer, unverkaufte 
Ladungen jeder Qualität werden in London jederzeit angeboten^^). 
Der Londoner Importeur ist daher weit mehr als der deutsche 
imstande, im Effektivmarkte selbst mit einem kleinen, aber 
sicheren Zwischengewinn die Gegenkäufe für seine Verkäufe 
vorzunehmen; er bedarf dann der Terminsichenmg nicht. 

Und ähnlich scheinen mir die Verhältnisse im deutschen 
Futtergerstenimport zu hegen. Man hat wiederholt angeregt, 
in Hamburg einen Gerstenterminhandel einzurichten, denn die 
ausschUeßUch in Betracht kommende Schwarzmeergerste ist in 
der QuaUtät so fungibel, wie kaum eine andere Getreideart. 
Wenn aber der Handel wirkUch ein lebhaftes Bedürfnis nach dem 
Gerstenterminhandel empfunden hätte, so wären solche An- 
r^ungen und Beratungskonferenzen über seinen Nutzen und 
Schaden nicht nötig, wie sie in Hamburg im Verein der Ham- 
burger Getreidehändler stattfanden. Der deutsche Gerstenim- 
porteur bedarf des Terminhandels jedoch wenig. Seinen Gersten- 
verkäufen, die im wesenthchen im Hochsommer und Herbst für 
das ganze Bedarfsjahr bereits erfolgen, liegen die Preise zugrunde, 
zu denen tägUch die russischen Exporteure die Gerste anbieten. 
Wenn der deutsche Importeur Gerste vorverkauft oder vorkauft, 
dann spekuUert erfreiwiUig, nicht, wie vieUach am Weizenmarkte, 
gezwungen. Will er dagegen nicht spekuHeren, so findet er gegen 
seine Verkäufe jederzeit effektive Deckung, wenn auch zu sehr 
schmalem, fast ruinösem Zwischengewinn. Deshalb bietet der 
Terminhandel dem Importeur nur geringen Nutzen, er würde eine 
Bedeutung fast ausschüeßlich als Spekulationsinstrument haben. 
Und während der Importeur ihn zu diesem Zwecke nicht not- 
wendig braucht, stände es zu befürchten, daß dadurch der Provinz- 



^*) Man vergleiche in der Zeitung den Getreidemarktbericht aus 
London mit dem Hamburger oder gar dem Berliner Berichte. 



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22 I^iö wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels. 

händler zum Spekulieren verleitet würde und damit das Kredit- 
risiko des mit minimalem Zwischengewinn arbeitenden Gersten- 
imi>orts in imerträglicher Weise gesteigert würde. 

e) Spekulationsgeschäfte. 

Bathgen definiert die Spekulation als die Berechnung und 
Schätzung der zukünftigen Marktverhältnisse und der daraus 
sich voraussichtlich entwickelnden Gestaltung der Preise bzw. 
das auf dieser Voraussetzung beruhende wirtschaftliche Handeln, 
welches den Zweck hat, aus der zukünftigen Entwicklung der 
Preise Gewinn zu ziehen^*). 

Seitdem der Getreideverkehr sich zum Welthandel aus- 
geweitet hat, ist die Summe der Faktoren, welche die Getreide- 
preise gestalten, fast ins Unendliche gewachsen. Zwar ist die 
Handelsberichterstattung gerade im Getreidehandel zu außer- 
ordentlicher Vielseitigkeit ausgestaltet worden, aber sie ist doch 
in ihren wesentlichsten Mitteilungen von sehr beschränkter Zu- 
verlässigkeit und erfaßt immerhin nur einen geringen Teil aller 
in Betracht kommenden Faktoren. Es ist deshalb durchaus 
richtig, daß „es eine Bewertung des Getreides allein auf Grund 
der statistischen Situation nicht gibt, daß jede Bewertung, jede 
Preisbildimg auch heute noch Sache des Gefühls isf ^*). Das 
Selbstvertrauen, das daher der Spekulant besitzen muß, ist für 
die Weltmarktpreisentwicklung nur durch die engste Fühlung 
mit dem Eflfektivangebot und -bedarf zu erlangen. Nicht aus 
den von den Produzenten geforderten Preisen, sondern aus der 
Dringlichkeit des Angebotes zieht der Händler seine Information, 
nicht was der Konsum bezahlt, sondern wieviel er kauft, und 
welchen Teil seines Bedarfes er gedeckt hat, ist entscheidend. 
Dem Effektivhändler dienen Beobachtungen, zu denen er nur 
dank seiner dauernden Fühlung mit Angebot und Nachfrage in der 
Lage ist. Deshalb ist ein Spekulationshandel als besonderer 
Beruf, auf den besonders Ehrenberg hinweist^*), im Waren- 
handel tatsächlich kaum vorhanden. Der Spekulant von Beruf 
empfängt solche Wahrnehmungen erst aus zweiter Hand, durch 
die Börsenstimmung, er kann schon deshalb nicht der Weg- 
weisende sein, als der er gern hingestellt wird^*). Ja, es scheint, 

") Wörterb. d. Volksw., Art. Spekulation. 

^«) L. Perlmann: a. a. 0. S. 66. 

^') Handw. d. Staatsw., Art. Börsenvesen. 

*•) So z. B.auch Wiedenfeld:Worterb.d. Volksw., Art GetreidehandeL 



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Spekulationsgeschäfte. 23 

als sei der Berufsspekulant, der nach Ehrenbergs Ansicht an 
der Warenbew^ung selbst keinen Anteil hat, sondern nur als 
Kundschafter das Auf und Ab ihres W^es zu erkunden sucht, 
nicht mehr als eine theoretische Konstruktion. 

Der Berufsspekulant tritt vielmehr in ganz anderer Gestalt 
auf. Da sind zunächst die kleinen Spekulanten, Jobber, auch 
die Goulisse genannt. Sie sind vielfach gescheiterte Existenzen, die 
sich „kläglich von den täglichen kleinen Preisoszillationen er- 
nähren und sich auch vor dem kleinsten Spekulationsgewinn nicht 
genieren"^^). Sie werden als Zwischenmakler benutzt, ohne 
selbst als Gegenkontrahenten angenommen zu werden, oder sie 
spekuUeren auch auf eigene Faust, doch reicht ihre Geschäfts- 
übersicht und ihr Kapital nicht zu weitsichtigeren Spekulationen. 
Sie leben von der Summe vieler minimaler Gewinne, sie speku- 
lieren nicht k la hausse oder k la baisse, sondern auf die Preis- 
veränderung, die die zufällige Marktlage von Tag zu Tag, von 
Stunde zu Stunde hervorruft. Sie sind volkswirtschaftlich fast 
bedeutungslos. 

Urnen stellt Schuhmaoher die großen Spekulationskom- 
missionshäuser als Berufsspekulanten gegenüber. „Sie leben 
auch von der Spekulation, aber weniger von eigenen, unabhän- 
gigen Spekulationsgeschäften als von denen des Publikums*'^®). 
Nim, die Spekulationsgeschäfte des Publikums sind die berüch- 
tigten Spielgeschäfte, und wir müssen, um die Bedeutung der 
Outsider-Kommissionäre für den Terminhandel darzulegen, zu- 
nächst auf das Börsenspiel eingehen. 

Die Beobachtung großer Spekulationsgewinne im Börsen- 
terminhandel reizt die stets latente Spielleidenschaft, die Fim- 
gibihtät der Verträge ebnet ihr den Weg zum Warentermin- 
handel. Der Outsider spekuliert nicht, er spielt blind wie am 
Eoulett. Eine Vorstellung von der Preisbildung hat er nicht. 
Er spielt nach seinem Temperament, nervös oder mit einem 
System. Bisweilen glaubt er, berechnender Spekulant zu sein. 
Er geht über die Felder seiner Heimat und entdeckt, daß der 
Boggen schlecht steht, dann kauft er; er liest in der Zeitung einen 
günstigen Saatenstandsbericht, dann verkauft er. Gel^enheits- 
erfahrungen bestimmen ihn, deren Tragweite für die Preisent- 
wicklung er nicht im entferntesten zu übersehen vermag. Sollte 



") Schuhmacher: a. a. 0. S. 62. 
") a. a. 0. S. 62ff. 



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24 I^i© wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels. 

man ihn deswegen Spekulant nennen, weil ihm vielleicht die 
Erkenntnis seiner Urteilslosigkeit fehlt, weil er zu berechnen 
glaubt, obwohl er nur eine von tausend Unbekannten kennt. 
Die Grenze zwischen Spiel und Spekulation zu ziehen ist schwer. 
Sie liegt in der objektiven Urteilsfähigkeit des Einzelnen, aber 
wer wollte den Urteilsfähigen vom Urteilslosen unterscheiden. 
Dem Getreidehändler stellt die Börsenvereinigung gewiß die 
Telegramme über die Statistik der Warenbewegung und der Preis- 
bewegung vollständig und schnellstens zur Verfügung, aber der 
große Getreidehändler mit seinen weiten Gesohäftsbeziehungen 
lächelt über denjenigen, der auf jene Börsennachrichten an- 
gewiesen ist. Doch wir wollen den Bogen nicht überspannen: 
Überall ist der Große dem Kleinen überlegen. Dem Fachmann, 
dessen Beruf der Getreidehandel ist, wird man mit Recht die 
spekulative Urteilsfähigkeit nicht absprechen können, dem 
Outsider muß man sie aberkennen. 

Von jeher ist das Outsiderspiel verurteilt worden. Die 
Verantwortung für den eigenen wirtschaftlichen Ruin könnte 
man dem Spieler noch selbst überlassen. Aber nach den ver- 
schiedensten Richtungen untergräbt das Outsiderspiel die Grund- 
lagen der Volkswirtschaft. Die Spielleidenschaft wirkt wie eine 
ansteckende Krankheit und entzieht alle, die ihr verfallen sind, 
der produktiven Arbeit. Vor allem aber beraubt sie den Spieler 
der Kreditfähigkeit, und in zahheichen Konkursen sind die 
überraschten Gläubiger durch die heimlichen Börsenspekulationen 
des Schuldners um ihr Kapital gekommen. SchUeßlich aber, 
und damit gelangen wir zu dem Betätigungsgebiet des Outsider- 
Kommissionärs, wird auch der Börsenhandel selbst durch die 
Beteiligung der Outsider auf das ungesundeste beeinflußt. Jede 
durch natürliche Verhältnisse entstandene Preisbewegung pflegt 
künstlich übermäßig verstärkt zu werden, weil sie einerseits den 
Spieler anreizt, andererseits aber, weil viele kapitalschwache 
Outsider nicht in der Lage sind, notwendig gewordene Ein- 
schüsse zu leisten, und weil die Kommissionäre dann zu Zwangs- 
realisationen greifen. Dann spekuliert wohl der Kommissionär, 
der aus den laufenden Engagements seiner eigenen Kund- 
schaft die Exekutionen konmien sieht, gegen seine eigenen 
Kommittenten. Und ebenso betätigt er sich bei der Ultimoregu- 
lierung. Es ist Gewohnheit des Outsiders, wenn er „falsch 
liegt", mit der Auflösung seines Engagements mögUchst lange 
zu warten; er hofiEt bis zum letzten Augenblick. Als Käufer wird 



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Spekulationsgeschäfte. 25 

der Outsider allerdings meist durch den Kommissionär gezwungen 
werden, dann zu verkaufen, wenn dem Konmiissionär auf das 
Hausse-Engagement die Andienungen an der Börse gemacht 
werden. Die Baisse-Engagements läßt der Kommissionär bis 
zum Ultimo laufen. Dann bleiben für die letzten Tage des Termins 
die großen Ankauforders der Outsider, die die Kommissionäre 
aus ihren Büchern heraus voraussehen. Das ist ihre Haupt- 
macht; sie spekulieren gegen ihre Kundschaft, da die Hausse 
am Ultimo kommen muß. Es ist sicher, daß das Outsiderspiel 
bedeutenden Teil daran hat, daß die Berliner Getreidehandels- 
berichte in der 80 er Jahren des 19. Jahrhunderts fortdauernd 
von „Schwierigkeiten der Ultimo-Regulierung" berichten mußten, 
die zu den Seltenheiten gehören, seitdem das Outsiderspiel von 
den deutschen Getreidebörsen ausgeschlossen ist. Der Getreide- 
händler spekuliert auf die Bewegung der Weltmarktspreise, er 
stützt sich dabei auf seine Fühlung mit dem Effektivmarkt. 
Der Outsider-Kommissionär spekuliert auf die vorübergehenden 
Preisbewegungen der Einzelbörse, gestützt auf seine Kenntnis 
der Spielsituation. Die Weltmarktssx)ekulation des Effektivhänd- 
lers ist diejenige, die wir gemeinhin unter Sx>ekulation im Gegen- 
satz zum Spiel zu verstehen haben. 

Sie wird in umfangreichem Maße von vielen Getreidehänd- 
lem betrieben. Zwar erfordern ihre Spekulationsgeschäfte nicht 
notwendig die Form des Termingeschäfts. Aber die Spekulation 
durch Ankauf von Locoware ist weit gefahrvoller, da dann 
der Spekulant noch das Risiko der QuaUtätsverschlechterung 
zu tragen hat; außerdem ermöglichen nur Zeitgeschäfte die 
Spekulation k la baisse, die volkswirtschaftlich nicht weniger 
wichtig ist als die Spekulation k la hausse. Am vorteilhaftesten 
aber bedient sich der Spekulant natürUch der meist übUchen 
Zeitgeschäfte, d. h. der Termingeschäfte. 

Über den Wert des Spekulationsgeschäfts sind die Meinungen 
kaum geteilt. Man schätzt die Zukunftsweisungen, die durch 
hohe Preise den sparsamen Verzehr des schmalen Getreidevorrats 
herbeiführen, durch niedrige Preise aber beitragen, späteren 
Marktüberfüllungen vorzubeugen. Man schätzt es, daß an Stelle 
stoßweiser, markterschüttemder Preisänderungen die Speku- 
lation die Preisbewegung in flacheren Bogen führt. Allerdings 
weisen die Kurven der Terminpreise stärker als die Preijakurven 
am Effektivmarkt die Unruhe des täglichen Preiswechsels auf. 
Aber diese kleinen Schwankungen sind volkswirtschaftlich un- 



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26 I^iö wirtschaitliclie Bedeutung des Getreideterminhandels. 

bedenklich. Fehlerhafte Spekulation ist allerdings geeignet, 
die Preisbewegung über das notwendige Maß hinaus zu beun- 
ruhigen. Doch glaubt man, der Austausch aller Meinungen über 
den Zukunftspreis im Börsenverkehr werde selten eine fehlerhafte 
Spekulation zu bedenklichem Umfange anwachsen lassen^^). 

Wenn wir aber als beste Garantie für eine volkswirtschaft- 
Uch erfolgreiche Spekulation den möglichst vielseitigen Aus- 
tausch von Preismeinungen erkennen, so folgt daraus, daß eine 
starke Spekulation volkswirtschaftUch vorteilhaft ist; nur muß 
man sich hüten, dadurch volkswirtschaftlichen Wert für das 
Börsenspiel begründen zu wollen. 

Es soll nicht bestritten werden, daß reines Börsenspiel auch 
von berufhchen Pachinteressenten eingegangen wird, aber es 
handelt sich hier doch vornehmUch um wirtschaftHch herunter- 
gekommene Elemente, die sich durch einen großen Spi^lgewinn 
vor dem Zusammenbruch zu retten hoffen. Diese Fälle, die 
meistens mit einem schlimmeren Ruin enden, erwecken dann 
in der Öffentlichkeit mehr als der Sache nach berechtigt den 
Anschein, daß auch der Fachmann an der Börse dem verderb- 
lichsten Börsenspiel huldige. Wir dürfen daher den Schluß 
ziehen, daß es prinzipiell richtig erscheint, daß die Börsengesetz- 
gebung des Deutschen Reichs einen * Unterschied zwischen der 
Fachspekulation und dem Outsiderspiel macht. Wir werden 
darauf bei der Besprechung der Börsengesetzgebung noch zurück- 
kommen. 

Hier müssen wir noch auf das eingehen, was wir Börsenkrieg 
nennen möchten, die Schwänze, den Corner. Ähnlich dem Börsen- 
spiel gelten sie als Symptome eines wirtschaftHch und moralisch 
verderbKchen Börsentreibens, als die Waffen des Börsenxaub- 
rittertums. Wir haben bereits den Zusammenhang zwischen 
dem Outsiderspiel und den Treibereien an den Monatsenden 
hervorgehoben und sind der Ansicht, daß nur bei Beteiligung 
von Outsidern der Terminmarkt in erhebhcherem Maße Preis- 
treiberen ausgesetzt ist. Es ist ganz zweifellos, daß die MögHch- 
keit zu Schwänzen weit geringer ist, wenn sich als Gegner Fach- 
leute gegenüberstehen, die die Vorräte des Marktes zu übersehen 



*•) Es ist hier auf die Untersuchungen von G. Cohn (Jahrb. f. Nat.-Ök. 
1867) und Kantorowicz (Jahrb. f. G. u. V. 1891) hinzuweisen, welche 
berechnet haben, daß die Spekulation an der Berliner Getreidebörse die 
Vorausschätzung der Preise von 1850—1890 unter ständiger Verringerung 
der Fehlschätzungen durchgeführt hat. 



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Spekulationßgeschälte. 27 

vermögen und sieh rechtzeitig eindecken. Dem Fachmann 
gegenüber wird sich auch jeder Kaufmann schon deshalb Schran- 
ken in der Ausnutzung seiner Macht auferlegen, als er weiß, 
daß die geschäftliche Zurückhaltung, die die Börse gegenüber 
berüchtigten Preistreibem zu wahren pflegt, für ihn den Augen- 
blickserfolg in eine Dauerschädigung verwandebi könnte. . Auch 
pflegen künstliche Preistreibereien erfahrungsgemäß meist daran 
zu scheitern, daß der Haussier für die Warenmassen, die ihm zur 
Verfügimg gestellt werden, keine Verwendung hat und sie dann 
mit Verlusten abstoßen muß. 

Wir dürfen diese optimistische Meinung betreffs der Schwänzen 
allerdings erst hegen, seitdem die Ausbildung der Verkehrsmittel 
einen hohen Grad erreicht hat. Solange der Getreideverkehr 
auf die Wasserstraßen angewiesen war, auch in den ersten Jahr- 
zehnten des Eisenbahnverkehrs, war der Anreiz zu Comerungs- 
versuchen häufig gegeben. Die Flüsse waren schlecht kanalisiert 
und überaus oft wasserarm, die Bahnen wußten den Anforderun- 
gen in keiner Weise nachzukommen, zumal wenn Wasserarmut 
der Flüsse ihnen besondere Lasten zuführte; das Getreide blieb 
häufig Wochen- und monatelang auf den Bahnhöfen unter freiem 
Himmel liegen tmd war dort sowie auf den ungedeckten Waggons 
dem Verderb preisgegeben. So konnte der Spekulant wohl damit 
rechnen, daß die Verkäufer ihm die Ware nicht rechtzeitig oder 
nicht in kontraktlicher Qualität andienen konnten. AhnUche 
Schwierigkeiten sind aber jetzt nur noch in den seltensten Fällen 
zu erwarten. 

Deshalb liegt einem Corner sehr häufig ein tatsächlicher 
Bedarf in einer Größe zugrunde, mit dem die Baissiers nicht 
gerechnet hatten. Perlmann hat nachgewiesen^*^), daß auch 
die ganz groß angelegten internationalen Corner am Getreide- 
markt in den Jahren 1898 und 1909 von Unkenntnis und falscher 
Beurteiltmg der wirklichen Marktlage durch den gesamten Handel 
ausgingen, daß ihre Durchführung keine Vergewaltigung des 
Handels war. Somit würden die Bestrebungen auf Schutz der 
Volkswirtschaft vor den Preistreibereien an der Börse mit der 
Bekämpfung des Outsiderspiels im wesentlichen zusammen- 
fallen. 



w) a.a.O. S.71f. 



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28 I^iß wirtschaftliche Bedeutung des Getl'eidetenninhandels. 

d) Arbitragegesehäfte. 

Die Anwendung und volkswirtschaftliche Bedeutung der Ar- 
bitrage ist für den Warenterminhandel recht unzureichend dar- 
gestellt. Wenn Schanz ^^) als Arbitragehandel bezeichnet: 
den Elauf und Verkauf an verschiedenen Plätzen, um aus den 
Kursverschiedenheiten Gewinn zu ziehen, oder wenn Lexis^^) 
ganz entsprechend als die Aufgabe der Arbitrage die Ausgleichung 
der Preisverschiedenheiten derselben Handelsgegenstände an 
verschiedenen Orten hinstellt, so liegt dieser Auffassung aus- 
schließlich der Arbitrageverkehr der Effektenbörsen zugrunde. 
Der Effektenhandel gestattet jedoch gegenüber den verschiedenen 
Möglichkeiten der Arbitrage, die dem Warenterminhandel zur 
Verfügung stehen, nur eine einzige Form, nämlich die Ortsarbi- 
trage als die Ausgleichung der gleichzeitigen Preisverschieden- 
heiten derselben Handelsgegenstände an verschiedenen Orten. 
Am Effektenterminmarkt werden Preisnotierungen nur für einen 
Zeitpunkt vorgenommen, für den Ultimo des laufenden Monats. 
Am Getreideterminmarkt dagegen werden 2—4 nacheinander 
folgende Termine gleichzeitig notiert und ermöglichen dadurch 
die Terminarbitrage, d. i. die Ausgleichung der gleichzeitigen 
Preisverschiedenheiten derselben Handelsgegenstände für ver- 
schiedene Termine. Schließlich bestehen an der Getreidebörse 
verhältnismäßig feste Preisbeziehungen zwischen den verschiedenen 
Sorten einer Getreideart sowie verschiedenen Getreidearten, wie 
sie ähnlich an der Effektenbörse zwar auch bestehen, ich er- 
innere an die gleichförmige Kursbewegung von Brauereiaktien, 
von Staatspapieren, aber die kurzen Spekulationsfristen lassen 
hier entsprechende Arbitragegeschäfte als Termingeschäfte kaum 
zu; während diese Artenarbitrage an der Getreidebörse nicht 
unerheblich ist, als die Ausgleichung der gleichzeitigen Preis- 
verschiedenheiten verschiedener Handelsgegenstände. Der ge- 
schickte Arbitrageur kombiniert diese Möglichkeiten der Arbitrage 
miteinander auf die verschiedenste Art. 

Nur Dav. Kohn hatte diese drei Formen der Arbitrage 
dargestellt. Doch ist seine Schreibweise wenig klar. Wir fügen 
hier seine Definition der Arbitrage bei: „Die zur Sicherung des 
Gewinnes bewerkstelligte Kombinierung von auf verschiedenen 
Plätzen unter Grundlage des in der Gegenwart gegebenen Preises 



»*) Wörterb. d. Volksw., Art. Arbitrage. 
'*) Handw. d. Staatsw., Art. Spekulation. 



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Arbitragegeschäfte. 29 

geschlossenen Termingeschäften oder eines effektiven und eines 
Termingeschäftes, auch zweier in verschiedener Ware auf dem- 
selben Platze oder schließlich mehrerer auf verschiedene Termine 
geschlossener Geschäfte''^'). 

Die angeführten Definitionen sind außerdem noch unzu- 
reichend, weil sie den Ausnahmefall, der in den Kursverschieden- 
heiten gegeben sein muB, nicht zum Ausdruck bringen. Ehren- 
berg ^^) sagt mit Recht: „Wenn die Preisdifferenzen zwischen 
mehreren Orten lediglich durch die verschiedene Lage derselben 
zu den Produktions- und Konsumtionsländem veranlaßt worden 
sind, so erfüllt der Handel durch Ausnutzung derselben zunächst 
nur seine gewöhnliche und primäre Aufgabe der lokalen Güter- 
verteilung: Er ist Bedarf shandel. Daneben aber bestehen unge- 
mein häufig zwischen Börsenplätzen Preisunterschiede, die nicht 
durch jenes dauernde Moment der Qrtsverschiedenheit, sondern 
durch irgend welche zufällige Umstände veranlaßt worden sind. 
Ihre Ausgleichung ist Aufgabe der Arbitrage.'* Der Bedarfs- 
handel hat das natürliche Preisverhältnis herzustellen, die Arbi- 
trage hat es zu erhalten. 

Wir möchten die Arbitrage definieren als den gleichzeitigen 
KAuf und Verkauf verschiedener Handelsgegenstände oder 
desselben Handelsgegenstandes zu verschiedenen Bedingungen 
unter Abschätzung des Wertverhältnisses, um aus dem Preis- 
verhältnis oder seiner Veränderung Gewinn zu ziehen. 

Es ist leicht als unrichtig zu erkennen, wenn Le xi s nach seiner 
oben angeführten, zu engen Definition der Arbitrage fortfährt: 
„Arbitrage ist keine Spekulation, da sie ohne alle Zukunfts- 
schätzung mit voller Kenntnis der in Betracht kommenden Um- 
stände zu Werke geht'*^^). Das ist nicht einmal für die Effekten- 
arbitrage zutreffend, da auch diese häufig spekulativ ist. Durch 
die scharfe Konkurrenz ist der Arbitrageur gezwungen, auch 
kleinste Preisunterschiede auszunutzen, die in eben der Minute 
verschwunden sein können, die zwischen der Telephonabrede 
und der Ausführung liegt, vielleicht auch durch die Ausführung 
der beiden Geschäfte selbst verschwindet. Außerdem, so gering 
auch die Transportkosten von Effekten sind, es entstehen doch 
Schwierigkeiten, wenn ein Arbitragegeschäft durch die Über- 
sendung der Effekten erfüllt werden muß. Der Arbitrageur muß 

") a. a. 0. S. 103/4. 

**) Handw. d. Staatsw., Art. Arbitrage. 

») a. a. 0. 



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30 öic wirtschaftliche Bedeutung des Getreideterminhandels. 

sich in diesem Falle die Stücke für einen Tag borgen; und auch 
dadurch müßte sein Gewinn sehr geschmälert werden. Deshalb 
spekuliert der Eflfektenarbitrageur vielfach in doppelter Hin- 
sicht, er hofft, daß der Preisunterschied bis nach Ausführung seines 
Arbitragegeschäftes anhält, und hofft weiterhin, daß er sich 
bis zum Ultimo umkehren wird, so daß durch eine Gegenarbitrage 
die effektive Übersendung der Papiere vermieden werden kann. 
Man ist zu dieser Hoffnung um so eher berechtigt, als jede Arbi- 
tragemöglichkeit von vielen Arbitrageuren ausgenutzt wird, und 
durch die größere Zahl derselben Geschäfte die Preisspannung 
leicht sich zur entgegengesetzten Arbitragemöglichkeit ver- 
schiebt. 

Im Getreidehandel bietet die Ortsarbitrage noch am ehesten 
die Gelegenheit, ohne spekulatives Risiko zu arbitrieren. Greifen 
wir auf unser Beispiel zurück : Der Bromberger Händler hat im 
November Durchschnittsroggen nach Berlin verkauft. Er hat 
jetzt Zeit bis zu dem Tage, an dem der Boggen verladen wird, 
diesen z. B. nach Danzig zu schicken, und er wird es tun, sofern 
inzwischen der Maitermin in Danzig höher notiert als in Berlin. 
Dann wird er zwischen Berlin und Danzig arbitrieren, indem 
er seinen Berliner Verkauf zurückkauft und dafür in Danzig 
verkauft. Solche Arbitragegeschäfte, bei denen die Warenbewe- 
gung in der Kalkulation mit berechnet ist, sind aber verhältnis- 
mäßig selten; sie können in der Regel nur dann eintreten, wenn, 
wie im obigen Beispiel, die Überführung der Ware nach dem 
Orte des Arbitrageverkaufs nicht mit besonderen Kosten ver- 
bunden ist. Ihre Hauptbedeutung hat daher diese Effektivarbi- 
trage für den Großhändler, der Überseeladungen for ordere 
schwimmen läßt. Er hat sich vielleicht in Liverpol am Termin- 
markt gedeckt und ist bis zur Ankunft des Schiffes im Orderhafen 
imstande, durch Arbitrage die Ladung besser nach Hamburg 
oder Antwerpen zu verwenden. Erforderlich ist für die Effekt^v- 
arbitrage nur, daß das eine der beiden Arbitragegeschäfte ein 
Termingeschäft ist, dagegen ist es nicht notwendig, daß beide 
Geschäfte an Terminbörsen geschlossen werden. Die Warenüber- 
führung von einer Terminbörse zu einer anderen wird sogar nur 
in Ausnahmefällen vorkommen. Die Qualitätsbedingungen 
gehen an den verschiedenen Terminbörsen recht auseinander, 
und wäre die am billigeren Orte gekaufte Ware auch anstandslos 
für den Verkauf abzuliefern, so wird der Arbitrageur doch nur 
dann an einen Transport denken können, wenn mit der Ortsarbi- 

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Arbitragegeschäfte. 31 

trage eine Terminarbitrage verbunden ist; wenn z. B. Berliner 
Weizen per Mai gekauft und per Juni nach Paris verkauft werden 
kann, denn der Käufer erhält in Berlin die Ware womöglich erst 
in den ersten Junitagen ausgeliefert. Deshalb finden wir die 
Ortsarbitrage allermeist in der Form spekulativer Arbitrage. 
Der Arbitrageur geht von einer Schätzung des durch die besonderen 
Verhältnisse von Ort zu Ort berechtigten Preisverhältnisses 
aus und sucht jede Abweichung durch die Vornahme eines Arbi- 
tragegeschäftes auszunutzen. Dabei kann es sich ebenso ereignen, 
daß der absolut teurere Platz doch relativ zu billig erscheint, 
daß also der Arbitrageur z. B. in London verkauft und 
in Berlin kauft, während hier die effektive Erfüllung doch ausge- 
schlossen ist. Aber er rechnet damit, daß der Berliner Preis 
steigen, der Londoner fallen wird, oder daß wenigstens der Berliner 
Preis mehr steigen oder weniger fallen wird als der Londoner, 
daß also der von ihm geschätzte, berechtigte Preisunterschied 
sich einstellen wird, so daß die Auflösung der Arbitrage durch 
eine Gegenarbitrage mit Gewinn möglich sein wird. 

Und in noch höherem Grade wird die Terminarbitrage, 
die Ausgleichung gleichzeitiger Preisunterschiede desselben Han- 
delsgegenstandes für verschiedene Termine, als Spekulations- 
arbitrage geschlossen. Spekulationsfreie Effektivarbitrage ist 
hier nur unter der Bedingung möglich, daß der spätere Termin 
so hoch über dem näheren notiert, daß der Preisunterschied alle 
Spesen, Lagerkosten und Zinsen deckt, also ein hoher Eeport 
besteht. Das gehört aber zu den Seltenheiten, vielmehr rechnet 
der Kaufmann überaus häufig mit einem Normalreport, der die 
Kosten effektiver Beportierung nicht erreicht. Der Grund dafür 
mag darin liegen, daß der Landwirt vielfach aus betriebstechnischen 
Gründen sein Getreide nur nach und nach in den Handel zu bringen 
vermag, daß er außerdem im Besitze seiner Scheuern keine 
Lagerkosten zu berechnen braucht, so daß der Kaufmann schon 
deshalb die Lagerung des Getreides gewöhnlich nicht übernehmen 
kann. Bisweilen stellt sich auch durch Schiffahrtsverhältnisse 
oder andere lokale Ursachen ein Deport für den späteren Termin 
heraus. Der Kaufmann spekuliert nun, indem er den berechtigten 
Deport bzw. Eeport abschätzt und Abweichungen nach oben 
oder unten durch eine entsprechende Arbitrage auszunutzen 
sucht. Erscheint ihm z. B. der Normalreport als ein Aufschlag 
von 4 Mark berechtigt, und beträgt dieser nur 2 Mark, so verkauft 
der Händler „vorn", d. h. zum früheren Termin, und kauft dafür 

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32 Angriffe gegen den Terminhandel in Getreide. 

„hinten^^ Erscheint der Normalreport zu hoch, 80 kauft er vom 
und verkauft hinten. Effektive Erfüllung ist im ersteren Falle 
gar nicht, im zweiten Falle nur mit Verlust möglich. Aber die 
Spekulation des Händlers geht dahin, daß die Abweichung vom 
berechtigten Report, d. h. vom natürlichen Preisverhältnis ver- 
schwinden, vielleicht ins Gegenteil umschlagen wird, so daß er 
noch vor Ablauf des früheren Termins durch eine Gegenarbitrage 
seine Engagements mit Gewinn lösen kann. 

Die dritte Form der Arbitrage, die Ausgleichung gleich- 
zeitiger Preisunterschiede verschiedener Handelsgegenstände, ist 
überhaupt nur spekulativ denkbar. Diese Arbitrage ist außer- 
ordentlich schwer und wird selten gebraucht. Am ehesten wird sie 
noch im Verhältnis des Mehlpreises zum Kornpreis ausgeführt, 
da das Abhängigkeitsverhältnis diese Preise doch fester bindet 
als das Ersatzverhältnis zwischen Eoggen und Weizen. 

in. Angriffe gegen den Terminhandel in Getreide. 

Es ist nicht Absicht dieser Arbeit, in die Polemik um 
Wert oder Unwert des Terminhandels einzugreifen. Doch können 
wir daran nicht vollständig vorübergehen, da ganz besonders der 
Getreideterminhandel in den letzten 20 Jahren fast nur politische 
Literatur gefunden hat. 

Wir haben den Wert des Terminhandels dargelegt: Er bietet 
dem Getreidehändler die Möglichkeit, das Risiko der Preisschwan- 
kungen zu vermeiden, und verringert daher die Zwischenhandels- 
spesen. Er erleichtert die Spekulation und ermöglicht die Tätig- 
keit des Arbitrageurs und trägt dadurch dazu bei, den richtigen 
Preis zu finden. 

Angebot und Nachfrage des Weltmarktes bestimmen den 
durchschnittlichen Preis des Getreides in allen Ländern, die im 
Getreideweltverkehr stehen. Deshalb verhilft der Terminhandel 
den Weltmarktspreisen zu stärkerer Geltung auch auf den deut- 
schen Getreideverkehr. Da Deutschland in bedeutendem Maße 
Importland für Getreide ist, verlangt das Interesse der deutschen 
Landwirtschaft den Schutzzoll und neben dem eigentlichen Zoll- 
tarif eine Reihe von Maßregeln, welche den Schutzzoll lückenlos 
ausgestalten sollen. Darunter schien auch die Forderung zu 
fallen, den Terminhandel in Getreide zu verbieten, da er den 
Import ausländischen Getreides erleichtert. In den Jahren sehr 
niedriger Weltmarktspreise führte die Not der Landwirtschaft 



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Angriffe gegen den Terminhandel in Getreide. 33 

infolgedessen zu leidenschaftlichen Angriffen gegen den Termin- 
handel. 

Die Argamentation war folgende: Die Handelsform des 
Termingeschäfts erleichtere die Einfuhr ausländischen Getreides 
und schädige dadurch den inländischen Getreidebau. Die Land- 
wirtschaft habe ein Interesse daran, die Inlandspreise nach den 
lokalen Produktions- und Konsumtionsverhältnissen statt nach 
den Weltmarktspreisen bestimmt zu sehen. 

Ohne auf die Berechtigung des geforderten lückenlosen 
Zollschutzes einzugehen, müssen wir darauf hinweisen, daß sich 
das Terminhandelsverbot jedenfalls als ein sehr minderwertiges 
Mittel des Zollschutzes darstellt. Wenn der Terminhandel die 
Einfuhr ausländischen Getreides begünstigt, so ist dies doch 
nur deshalb der Fall, weil er jede geschäftliche Transaktion des 
Handels erleichtert. Sein Verbot muß die Folge haben, daß die 
gesamte Handelsorganisation gestört wird, und die Zwischenhan- 
delsspesen durch Vergrößerung der Risikoprämien eine Erhöhung 
erfahren. Das bedeutet aber einen volkswirtschaftlichen Nachteil. 
Die Landwirtschaft im besonderen erleidet femer dadurch eine 
Schädigung, daß die Preisnotierungen der Terminbörse fortfallen 
müssen. Ein Ersatz für die Preisnotierungen der einheitlichen 
allgemein bekannten Terminqualität sowie ihre zeitliche Voraus- 
bewertung dürfte schwerlich zu finden sein. Die Jahre 1897 
bis 1899 haben jedenfalls den Beweis erbracht, daß die Land- 
wirtschaft ohne diese Notierungen die Macht des Handels weit 
stärker empfunden hat als vorher. Vor allem aber erschwert 
das Verbot des Terminhandels nicht nur die Einfuhr, sondern 
auch die Ausfuhr von Getreide, und es ist töricht, dieses Mittel 
für den Zollschutz verwenden zu wollen, während man im selben 
Sinne die möglichste Erleichterung der Ausfuhr fordert. 

Daneben spielt die sogenannte Baissetendenz des Termin- 
handels in der Argumentation seiner Gegner eine bedeutende 
Rolle. Soweit sie in der Leidenschaft des politischen Kampfes 
vorgetragen wurde, war sie vielfach nur eine Behauptung von 
Personen, denen die einfachsten Prinzipien des wirtschaftlichen 
Verkehrs unbekannt waren. Nach dieser Ansicht sollte allein 
die Tatsache, daß ein Verkauf noch nicht besessener Ware statt- 
finden kann, einen Preisdruck hervorzubringen geeignet sein. 
6. Cohn bezeichnet diese Theorie als „unterhalb jeder wissen- 
schaftlichen Diskussion"^*). Wir können jedoch nicht umhin, 



'*) Nationalök. d. Handels und Verkehrswesens, S. 366. 

P i n n e r , Getreide terminhandel. ^ 

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34 Angriffe gegen den Terminhandel in Getreide. 

zuzugeben, daß die Behauptung der Baissetendenz des Termin- 
handels im Beginn der 90 er Jahre nicht ganz unberechtigt ge- 
wesen ist. Nur lag die Baissetendenz nicht im Wesen des Termin- 
handels selbst, sondern war durch eine fehlerhafte Organisation 
des damaligen Berliner Terminhandels begründet. Wir haben 
bereits dargelegt, daß ein starker und gut funktionierender 
Terminhandel es erfordert, daß die Terminhandelsbedingungen 
mit den Bedürfnissen aller Beteiligten zusammenstimmen müssen. 
Die Terminabschlüsse müssen stets allgemein übliche Schlüsse 
in Durchschnittsqualität sein, die Terminbedingungen müssen 
mit den Veränderungen in Einklang gehalten werden, die sich 
im Getreideverkehr überhaupt vollziehen. Die Berliner Kontrakte 
aber zeigten sich nach 1890 als veraltet. 

Sowohl von Seiten der Müller als auch von Provinzhändlem 
waren lebhafte Klagen erhoben worden, daß die Berliner Termin- 
handelsbedingungen nicht genügend Schutz gegen die Lieferung 
minderwertiger Ware boten. Wir haben bereits in anderem Zu- 
sammenhange dargelegt, daß einerseits die Anforderungen an 
die Lieferungsqualität nicht mit der Verbesserung der in Deutsch- 
land angebauten Qualitäten sowie mit den gesteigerten An- 
sprüchen mitgegangen waren, die von den Müllern an die Korn- 
qualität gestellt werden mußten. Andererseits aber hatte die 
gesteigerte Einfuhr ausländischen Getreides wiederholt zur An- 
dienung von Hartweizen geführt, auf dessen Vermahlung die 
deutschen Mühlen nicht eingerichtet waren. Besonders das Teue- 
rungsjahr 1891 hatte zu Weizenimporten von bisher ungewohnten 
Qualitäten gezwungen. Die Berliner Lieferungsbedingungen, 
die darauf berechnet waren, daß in der Hauptsache inländischer 
Weizen zur Kündigung gelangte, erwiesen sich unter den ver- 
änderten Umständen um so mehr als unzureichend, als sie auch 
keine Handhabe boten, Mischungen von Hartweizen mit weichem 
Weizen zu verhindern, wodurch die Mühlen in diesen Jahren 
schwer geschädigt wurden. Ebenso waren die Bestimmungen 
über die Technik der Andienung veraltet. Die günstigen Be- 
dingungen, die man unter den unvollkommenen Verkehrsein- 
richtungen der 60 er und 60 er Jahre dem Verkäufer zur Er- 
füllung seiner Verpflichtung hatte zubilligen müssen, hatten 
sich allmählich als überflüssig erwiesen; man konnte statt der 
Zweimonatstermine April/Mai oder September/Oktober unbedenk- 
lich Einmonatstermine einführen. Vor allem aber stellten sieh 
Schäden dadurch heraus, daß dem Verkäufer die Berechtigung 

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Der Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 35 

eingeräumt war, Warenpartien, die wegen Unkontraktlichkeits- 
erklärung der Qualität durch die Sachverständigen zurückge- 
wiesen waren, bis zum Ultimo in demselben Zustande beliebig 
oft wieder anzukündigen. Ja, durch oftmalige Andienung derselben 
unkontraktlichen Qualitäten soll von Baissiers versucht worden 
sein, die Käufer mürbe zu machen und zur DifiFerenzregulierung 
auf der Basis niedrigerer Preise zu veranlassen. 

So erscheint es wohl als sicher, daß die Deckung effektiven 
Warenbedarfs am Berliner Terminmarkt für die Dauer dieser 
Mißstände erschwert sein mußte, daß die Preise der Terminbörse 
einer recht geringen Durchschnittsqualität entsprochen haben 
mögen. Der Einfluß der Berliner Notierungen auf die Bewertung 
der gesamten deutschen Ernte macht es daher wahrscheinlich, 
daß der deutschen Landwirtschaft tatsächlich eine Schädigung 
daraus erwachsen sein mag, daß der Landwirt für seine besseren 
Qualitäten nicht immer in der Lage gewesen sein wird, vom 
Händler die entsprechend höheren Preise zu erzielen. 

Daraus ist aber nicht die Forderung nach dem Verbot des 
Getreideterminhandels herzuleiten, sondern nur die Forderung 
seiner Reform, die in gleicher Weise im Interesse der Erhaltung 
eines gesunden Terminhandels auch von der Kaufmannschaft 
angestrebt werden mußte. 

Auf die Angriffe gegen den Terminhandel, welche zur Beseiti- 
gung des Börsenspiels die Beseitigung des Terminhandels fordern, 
brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Der Wunsch, das 
Spiel von der Börse zu bannen, ist ein allgemeiner. Die deutsche 
Börsengesetznovelle von 1908 hat gezeigt, daß es einen Weg gibt, 
dieses Ziel zu erreichen, ohne den Terminhandel selbst zu zer- 
stören. 



B. Der Getreideterminhandel an den deutschen 
Produktenbörsen vor der Reichsbörsengesetz- 
gebung. 

Der Terminhandel in Getreide hat sich fast überall dort 
entwickelt, wo bereits vor der Zeit der Eisenbahnen ein bedeu- 
tenderer interprovinzieller Getreideverkehr bestanden hat. Es 
sind die bevorzugten Küstenplätze Königsberg, Danzig, Stettin, 
Hamburg und der ihnen gleich zu achtende Rheinhafen Köln, 

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36 ^er Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

die Flußstädte Breslau, Posen, Berlin, auch Frankfurt a. M. und 
Mannheim. 

Wir können nun überall die gleiche Erscheinung beobachten, 
daß der Ausbau des Eisenbahnnetzes den Getreideverkehr in 
so erheblichem Maße gesteigert hat, daß von dieser Zeit ab der 
moderne Getreidegroßhandel seine Handelsformen ausbildet. An 
den meisten Plätzen hat die Kaufmannschaft Ende der 40 er 
und Anfang der öOer Jahre die Produktenbörse ins Leben ge- 
rufen. Nicht daß der Großhandel die Warentype eingeführt und 
damit den Börsenverkehr ermöglicht hatte, wie Marx^') das 
meint. Weder ist es richtig, daß die neuere Zeit die Waren- 
fungibilität aus technischen Gründen geschaffen hat, vielmehr 
hat man sie, wie wir zeigten, nur künstlich aufrecht erhalten, 
noch ist es überhaupt berechtigt, als Börse nur diejenigen Markte 
anzusehen, die Typenhandel entwickelt, d. h. den Terminverkehr 
aufgenommen haben. Wenn wir heute als Börse nur die Märkte 
des Großhandels in vertretbaren Waren ansehen, so sind wir uns 
dessen bewußt, daß darin ein Teil Willkür liegt, was besonders 
betrefiis der Getreidebörsen nicht übersehen werden darf. Wir 
halten es für ganz verfehlt, wenn Marx so weit geht, als Ge- 
treidebörsen nur diejenigen anzuerkennen, die Getreidetermin- 
handel aufweisen^®). Vielmehr dürfen wir nicht außer acht lassen, 
daß die Börsengründung überall den Zweck hatte, dem bis dahin 
formlosen Marktverkehr Ordnung und Sicherheit zu verschaffen. 
Das Bedürfnis nach dem offiziellen Börsenschiedsgericht und offi- 
ziellen Preisnotierungen an Stelle der unzuverlässigen Privat- 
notierungen waren die Triebkräfte, die die Börsen häufig auf 
dringenden Wunsch der. Landwirtschaft entstehen ließen. Dazu 
trat sehr bald die Ausarbeitung allgemein üblicher Kontraktfor- 
mulare. „Börse" war im Bewußtsein der Kaufmannschaft der 
Markt, der nach kaufmännischem Bedarf organisiert war. 

An fast allen der erwähnten Plätze hat sich in zeitlichem Zu- 
sammenhang mit der Begründung der Börsen der Terminhandel 
eingestellt. Er ist, wie die Börsen selbst, die notwendige Folge des 
erweiterten Verkehrsgebietes des vervielfältigten Umsatzes. Diese 
enge Verbindung zwischen der Entstehung des Terminhandels 
mit dem Eisenbahnbau suchen wir dadurch zu veranschaulichen, 
daß wir dort, wo es erheblich erscheint, die wesentlichsten Daten 



") a. a. O. 

«») a. a. O. S. 17. 



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Königsberg. 37 

des Bahnbaues angeben. Die weitere Geschichte des Terminhandels 
ist von den verschiedenartigsten Einflüssen der lokalen Verhält- 
nisse abhängig gewesen. Seit den 70 er Jahren und in stärkster 
Weise in den 80 er Jahren macht sich dagegen allerorts die Über- 
macht Berlins geltend, der Terminhandel konzentriert sich in der 
Beichshauptstadt. Die Gründe dieser Erscheinung werden wir bei 
der Darlegung des Berliner Terminhandels berühren; aus diesem 
Grunde behandeln wir Berlin an letzter Stelle. 

Königsberg. 

Königsberg ist einer der bedeutendsten Getreideexportplätze 
der Ostsee. Sein Exportmaterial erhält es aus der Provinz Ost- 
preußen sowie aus den angrenzenden russischen und polnischen 
Landesteilen. Durch den Anschluß des russischen Eisenbahn- 
netzes an die ostpreußische Südbahn dehnte sich der Königsberger 
Getreidehandel seit den 70 er Jahren bis weit ins Innere Eußlands 
hinein aus. 

Terminhandel hat sich nur für Boggen und vorübergehend 
für Hafer entwickelt. 

Im Jahre 1869 wurden zum ersten Male Preise für Prüh- 
jahrslieferung notiert, später neben dem Prühjahrstermin auch 
für andere Termine. Erheblicheren Umfang gewann der Termin- 
handel infolge der Mißernten, die in den Jahren 1866 — 1869 auf- 
einander folgten. Schon 1870 verlor sich indes das Interesse am 
Terminverkehr . Der Handelskanmierbericht sagt sehr bezeichnend : 
„Das Termingeschäft ist gewöhnlich unbedeutender, wenn an 
effektiver Ware kein Mangel herrscht.** In den nächsten Jahren 
verstärkte sich die Warenfülle durch die russische Bahnverbindung, 
und seitdem gelangte der Terminhandel nicht mehr zu größerer 
Bedeutung. Ohne offensichtliche Ursache scheint er seit 1880 
eingeschlafen zu sein. 

Marx^*) konstatiert hier eine Wirkung der Börsensteuer 
von 1885. Aus den Handelskammerberichten ist jedoch nicht zu 
ersehen, daß es in Königsberg Terminhandel über 1880 hinaus 
gegeben habe'®). 



») a. a. 0. S. 16£E. 

*^) Marx erwähnt auch ebenda, daß in Memel der Terminhandel be- 
reits vor Jahrzehnten erloschen sein solL Seit etwa 1850 gibt die Kaufmann- 
schaft von Memel Jahresberichte heraus. Seit dieser Zeit hat es in Memel 
keinen Terminhandel gegeben. 



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38 I^er Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

Dansig. 

Jahrhunderte hindurch hot der Weichselverkehr die Grund- 
lage von Danzigs Handelsblüte. Eisenbahnen erhielt die Gegend 
erst spät und spärlich. 

1852 erschloß die Verbindung mit Bromberg den Norden 
der Provinz Posen, doch erst 1872 schloß die Linie Bromberg- 
Posen an. Den Bahnverkehr mit Polen konnte Danzig seit 1862 
über Thom aufnehmen, die direkte Verbindung wurde erst 1877 
über Illowo und die russische Weichselbahn hergestellt. Auch 
das westliche Wostpreußen und das östliche Pommern wurden erst 
in den 70 er Jahren erschlossen. 

Der Sachverständige Damme gibt in der Börsenenquete- 
Kommission an, daß in den 50 er Jahren bei Zunahme des Verkehrs 
zuerst Boggen, in den 60 er Jahren auch Weizen auf Termin 
gehandelt sei. Nach den Berichten der Ältesten der Kaufmann- 
schaft von Danzig können wir folgende Schlüsse ziehen: 

Danzig vermittelte einen regelmäßigen Zwischenhandel 
preußischen und polnischen Getreides nach England, Skan- 
dinavien und dem Westen des Kontinents. Der Handel war in der 
ersten Hälfte des Jahrhunderts durchaus Spekulationshandel. 
Große Preisschwankungen versprachen enorme Gewinne, drohten 
allerdings auch mit plötzlichem Ruin. Erst seit dem Beginn der 
60 er Jahre wurde der Handel mehr und mehr zur Maxime „Großer 
Umsatz, kleiner Gewinn" gezwungen. Die Danziger Händler 
kauften einerseits die Ware loco und lagerten sie spekulativ bis 
zum Frühjahr ein, andererseits kauften sie bereits im Herbst 
auf Frühjahrslieferung von Polen, wie sie ebenso zum Frühjahrs- 
export nach England bereits im Herbst Verkäufe schlössen. Diese 
Lieferungsgeschäfte auf Frühjahrslieferung nach und von Danzig 
sind die späteren Termingeschäfte. Doch dehnte der Ausbau des 
Eisenbahnnetzes später den Export und damit den Terminhandel 
über das ganze Jahr hin aus. 

Die bewußte Ausgestaltung zum Terminhandel erfolgte durch 
Festsetzung von Minimalqualitätsgewichten und „strengeren 
Vorschriften" über das Kündigungsverfahren, als sie die bis dahin 
üblichen „Allgemeinen Bedingungen bei An- und Verkauf von 
Gretreide in Danzig vom 22. I. 1866" aufzuweisen hatten. 1869 
fand eine Besprechung sämtlicher preußischer Produktenbörsen 
statt zwecks Vereinheitlichung der Getreidemaße und Preis- 
notierungen für Effektiv- und Termingeschäfte. Es hat den 



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Danzig. 39 

Anschein, als ob die Danziger Kaufleute damals die strengeren 
Terminhandelsformen als vorteilhafter erkannt hätten als die bis 
dahin in Danzig üblichen laxeren Zeitgeschäftsformen. Die 
Generalversammlung der Korporation beschloß gemeinsam über 
die Einführung des neuen Einheitsmaßes von 1000 kg und über 
ein Schlußzettelformular für Termingeschäfte in Weizen nach 
dem Muster der in Berlin und Stettin üblichen Schemata. Die 
auf den neuen Schlußzetteln abgedruckten Lieferungsbedingungen 
wichen jedoch von den bisher üblichen nur in der oben erwähnten 
Weise ab. Gleichzeitig wurden die Getreidemakler aufgefordert, 
auch Termingeschäfte in anderen Getreidearten, welche von 
ihnen vermittelt wurden, soweit sie nach dem 1. August 1870 
zur Erledigung kamen, unter gleichen Lieferungsbedingungen, 
speziell unter Vorschrift eben desselben Kündigungsverfahrens, 
abzuschließen. 1870 wurde noch eine ständige Sachverständigen- 
Kommission anstelle der bisher jeweils von den Parteien erwählten 
Schiedsmänner eingesetzt. 

Wir werden die Jahre 1869/70 kaum als die Entstehungszeit 
des Getreideterminhandels anzusprechen haben, als vielmehr 
als die Jahre seiner Organisation. Doch erhellt aus einer Stelle 
des Ältesten-Berichts für das Jahr 1872, daß man in Danzig den 
Terminhandel erst mit jener Redigierung von Terminhandels- 
bedingungen als aufgenommen ansah. 

Der Danziger Terminhandel hat sich in engster Weise dem 
EflEektivhandel angeschlossen. 1885 wurden Terminpreise für 
Weizen transito (d. h. unverzollt), Weizen zum freien Verkehr 
(d. h. verzollt) und für roten Weizen notiert, für Eoggen transito, 
für unterpolnischen Eoggen, inländischen Eoggen, für Eoggen 
nur neuer Ernte transito, für neuen unterpolnischen Koggen und 
für neuen inländischen Boggen. Der Terminhandel für Hafer 
wurde 1885 als unwesentlich aufgegeben, da das Beichsstempel- 
gesetz vom 29. V. 1885 alle Schlußscheine in börsenmäßig gebän- 
delter Ware, d. h. solcher Ware, für die an der betreffenden Börse 
Terminpreise notiert wurden, dem Stempel unterwarf. 

Seit 1873 war im Danziger See-Export ein beträchtlicher 
Rückgang zu spüren. Die Eisenbahnen lenkten den Getreide- 
überfluß Polens mehr und mehr nach Mitteldeutschland ab. 
Nur die Eröffnung der russischen Weichselbahn 1877 brachte 
für einige Zeit für den Danziger Weizenhandel einen Aufschwung 
bis zu Rekordziffem. Aber gerade die riesigen Zufuhren von 
Weizen verringerten wie in Königsberg den Terminverkehr. 



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40 ^6f Getreidetenninhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

Bei geringen Zufahren war der Danziger Exporteur allerdings 
zu Terminkäufen gezwungen, um sich für seine Exportverkänfd 
rechtzeitig die Ware zu sichern, aber die ständige große Zufahr 
in jenen Jahren versprach die Möglichkeit, den Bedarf jederzeit 
aus dem Angebot zu decken, so daß langsiohtige Geschäfte über- 
haupt seltener erforderlich waren. 

Seit 1890 sank der Weizenexport auf den dritten Teil des 
Gewohnten herab. Zuerst wurde Danzig durch ein russisches 
Ausfuhrverbot, dann durch den Handelskrieg mit Rußland 
schwer getroffen, aber auch nach Behebung dieser Ausnahme- 
erscheinungen zeigte es sich, daß die polnischen Zuflüsse versiegt 
waren. Polen hatte an Bevölkerung stark zugenommen und 
eine eigene starke Mühlenindustrie entwickelt. Die russische 
Tarifpolitik schnitt femer alle entfernteren Bezugsgebiete von 
Danzig ab und lenkte ihren Überschuß nach den mächtig auf- 
blühenden Häfen libau und Odessa. Nur die Aufhebung des 
Identitätsnachweises führte Danzig einiges inländisches Getreide 
zu. Doch genügte dies nicht, um den Stand der Danziger Gretreide- 
händler zu ernähren, der infolgedessen seine stärksten Kräfte 
verlor. Der Terminhandel sank dementsprechend zur Bedeutungs- 
losigkeit herab; das Verbot des Börsengesetzes von 1896 wurde 
kaum mehr verspürt. 

Stettin. 

Die Wasserverbindungen Stettins reichen mittels der Oder 
bis Schlesien, mittels der Warthe bis Polen hinein und nach Brom- 
berg, durch den Finowkanal nach Berlin und dem Spree-Havel- 
Elbegebiet. Ergänzend traten folgende Hauptbahnlinien dazu: 
1843 Stettin-Berlin, 1848 Stettin-Kreuz-Posen, 1851 Kreuz- 
Bromberg, 1856 Posen-Breslau, 1857 Kreuz-Küstrin-Frankfurt 
a. 0. Erst 1859 erhält Stettin die Verbindung mit Hinterpommem 
über Stargard-Belgard. 1867 wird über Neubrandenburg Mecklen- 
burg in den Verkehrsbezirk eingezogen. 

In der Börsenenquete-Kommission berichtete der Sach- 
verständige Abel (S. 2305/06), daß Stettin seit 1833 Terminbandel 
mit festen Schlußscheinbedingungen habe. Er fügte hinzu „natür- 
lich nur embryonisch". Ende der 40er und in den 50er Jahren 
sei das Termingeschäft infolge des starken Exports sehr lebhaft 
gewesen und stärker als in Berlin. Als Hauptlieferanten kamen 
für Stettin Schlesien und Posen in Betracht. Stettin gilt für 
jene Zeit in der gesamten Literatur als eine der bedeutendsten 
deutschen Terminbörsen. Die kaufmännischen Berichte sind bis 



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Hamburg. 41 

in die 70er Jahre hinein sehr dürftig und vermitteln nähere 
Kenntnis des dortigen Terminhandels gar nicht. Seit etwa 1870 
wurde Stettin allmählich zum Imx)ortplatz nordrussischen Weizens 
und Roggens für Berlin und Sachsen. Doch verlor Stettin hier 
vielfach die Aktivität und wird Speditionsplatz für Berliner 
Firmen. Auch die Produktion Pommerns und Mecklenburgs, 
die zu beträchtlichem Teil früher über Stettin exportiert wurde, 
nahm jetzt ihren Weg nach Berlin. 

Die wachsende Übermacht des Berliner Getreidehandels 
und besonders der Berliner Terminbörse drängte immer mehr 
dazu, daß es den Stettiner Händlern trotz der nicht unbeträcht- 
lichen Kommissionsgebühren vorteilhafter erschien, an der 
starken, stets aufnahmefähigen Berliner Börse ihre Terminge- 
schäfte zu schließen als an der unzuverlässigen, schwachen 
Stettiner Börse. Der Sachverständige Abel mußte in der Börsen 
enquete-Konmiission erklären, daß zurzeit in Berlin mehr Termin- 
geschäfte für Stettiner B/Cchnung geschlossen wurden als in 
Stettin selbst. Doch widerstand der Terminhandel Stettins 
immerhin am längsten der Konzentrationskraft Berlins und erlag 
erst dem Börsengesetz von 1896. 

Hamburg. 

Hamburg war durch seine Lage an der Eibmündung stets 
ein Bezugsort Westeuropas, speziell Englands, in Notjahren 
und gelangte durch das dauernde Importbedürfnis Englands 
seit den 40 er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem starken, 
regelmäßigen Getreideexport. Außer dem Verkehr, den die Elbe 
mit ihrem besonders nach Osten weit reichenden Verkehrsgebiet 
brachte, erhielt Hamburg Qetreidezufuhren von den deutschen 
und russischen Ostseehäfen zur See sowie durch ein rasch aus- 
gebautes Bahnnetz. In den Jahren 1844 — 1856 hat Hamburg 
seine wesentlichsten Eisenbahnverbindungen erhalten. 

In der Börsenenquete-Kommission gibt der Sachverständige 
^^ Schirlitz an (S. 2304/06), daß in Hamburg Terminhandel so 
^^^ lange bestanden hat, als Hamburg Exportplatz war. Er habe 
etwa 1853/1854 begonnen, seine Blüte 1867/1868 gehabt, doch seit 
1870 völlig aufgehört. Näheres über seine Entwicklung anzugeben 
ist uns nicht möglich, da die Berichte der Hamburger Handels- 
kammer erst seit 1868 bestehen. Zu dieser Zeit versagte jedoch 
die Exportfähigkeit der erwähnten Bezugsgebiete des Hamburger 
Getreidehandels mehr und mehr. Der Getreidehandel geriet 



,ei>.' 



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42 J^^r Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

daher durchAus in Beschäftigungslosigkeit; erst nach geraumer 
Stagnation belebte der steigende Import von neuem den Ham- 
burger Getreideverkehr, ohne jedoch bisher wieder einen Termin- 
handel hervorzurufen. 

Köln. 

Kölns Bedeutung für den (Jetreidehandel beruhte auf seiner 
Lage inmitten eines fruchtbaren Produktionsgebietes am Nieder- 
rhein. Das Land rechts und links des Rheines wurde für Köln 
durch folgende Hauptbahnlinien erschlossen: 1841 wurde die 
Strecke Köln- Aachen eröfEnet, 1845 erschloß Köln-Düsseldorf 
die Verbindung mit Elberfeld, 1847 über Duisburg mit Hannover 
und 1851 mit München-Gladbach. 1858 wurde die Verbindung 
mit Mitteldeutschland über Kassel durch die Strecke Hörde- 
Soest hergestellt, 1862 wurde über Siegen Gießen erreicht, 1871 
über Gerolstein Trier. 

Köln vermittelte um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor- 
nehmlich den Weizenexport nach Holland, Frankreich und 
England. Je nach den Ernten trat Süddeutschland in Köln als 
Käufer oder Verkäufer auf, häufig sandte Österreich seine Über- 
schüsse zum Export. Boggen wurde in bedeutenden Quantitäten 
vom deutschen Osten oder von Rußland importiert. 

Die Berichte der Handelskammer stehen uns erst seit dem 
Jahre 1859 zur Verfügung. Das Jahr 1859 weist bereits voll 
ausgebildeten Terminhandel auf. 1860 wird erwähnt, daß Gerste 
und Hafer größtenteils nur effektiv gehandelt werden, dagegen 
Weizen und Roggen sowohl Gegenstand des Handels in effektiver 
Ware als auch auf Lieferung in bestimmter Zeit, auf Termine, 
bilden. Wenn auch die Bezeichnung „Effektivhandel " hier gleich- 
bedeutend mit Loeohandel zu sein scheint, so darf man doch bei 
dem erwähnten Zeithandel auf Terminhandel im heutigen Sinne 
schließen. An dem Kölner Termingeschäft beteiligte sich das 
Ausland im weitesten Umfange, sowohl Belgien, Holland, Eng- 
land, Frankreich als auch Süddeutschland, die Schweiz und 
Österreich-Ungarn j Köln galt als eine der bedeutendsten Getreide- 
börsen. 

Seit 1870 wurde der Rhein mehr und mehr Importstraße; 
auch Köln vertauschte seine bisherige Rolle des Exporteurs mit 
der des Importeurs. Hierbei wurde es jedoch sehr bald für 
Süddeutschland von Mannheim ausgeschaltet, während die 
Bevölkerungszunahme des Industriegebiets von Rheinland-West- 
falen weniger dem Getreidehandel Kölns als dem Duisburgs 



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i ^ 



Posen. 43 

zugute kam. Während Köln noch die 70er Jahre hindurch den 
viel begehrten deutschen Weizen in den ersten Monaten nach 
der Ernte exportieren konnte, um ihn erst im weiteren Verlauf 
des Emtejahres durch Auslandsimporte zu ersetzen, wurde auch 
dieser Getreideumsatz durch die Zollpolitik verhindert. Trotz- 
dem vermochte sich der Getreideverkehr Kölns auf erheblicher 
Höhe zu halten. 

Seit dem Jahre 1889 aber stockte plötzlich der Terminver- 
kehr. Von 1888 — 1889 sanken die angekündigten Quantitäten 
in Weizen auf den vierten Teil, in Roggen auf weniger als die 
Hälfte der gewohnten Höhe, um 1890 vöUig bedeutungslos zu 
werden. 1892 fand kein Terminhandel mehr in Köln statt. 

Als Ursache dieser Erscheinung bezeichnet der Handels- 
kammerbericht für 1895 die Zollschranken, ohne nähere Erklärung 
zu geben. Man wird diesen Zusammenhang nicht von der Hand 
weisen dürfen, da der Rückgang des Termingeschäfts zeitlich 
mit der starken ZoUerhöhung des Jahres 1887 zusammenfällt. 
Das inländische Getreide, das so lange in erheblichem Maße 
exportiert worden war, wurde im Auslande konkurrenzunfähig, 
solange das System der Einfuhrscheine noch nicht eingeführt 
war. Die Vermutung liegt nahe, daß dadurch das Interesse der 
Kaufmannschaft am Terminhandel verloren ging, da die Ent- 
wertung des deutschen Getreides gegenüber dem verzollten aus- 
ländischen Getreide den Terminmarkt ausschließlich auf das 
inländische Korn beschränkte, das für den Konsum Westdeutsch- 
lands mehr und mehr an Bedeutung verlor. 

Posen. 

Posen besitzt in der Warthe eine Wasserstraße mittlerer 
Leistungsfähigkeit, die die Provinz mit dem Oder-Elbegebiet 
verbindet. In geringerem Maße stellte die Warthe außerdem 
eine Wasserverbindung mit dem westlichen Polen her. Die 
wichtigsten Etappen des Eiaenbahnbaues sind: 1848 die Ver- 
bindung mit Stettin über Kreuz, 1856 die Linie Posen-Breslau, 
1857 die Verbindung mit Sachsen und Böhmen über Lissa-Glogau 
sowie die Verkürzung des Weges nach Berlin, der bis dahin nur 
über Stettin führte, durch die Bahn Kreuz-Frankfurt a. O.; 
aber erst 1870 wurde die Strecke Posen-Frankfurt eröffnet. 
1871 rückte Posen der Provinz Sachsen durch die Bahnlinie 
Bentschen-Guben-Kottbus erheblich näher. Der Bahnweg nach 
Polen war lange Zeit sehr unzureichend. Die Verbindung über 



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44 ^^^ Getreideterminhandel an den dentschen Produktenbörsen. 

Thorn wurde erst 1872 durch die Bahn Bromberg-Posen von 
Bedeutung und 1873 durch die Verkürzung Inowrazlaw-Thorn 
verbessert. 1875 erschloß die Strecke Posen-Kreuzburg das 
südliche Einfallstor Kempen- Wilhelmsbrück. 

Auf der Grundlage dieser Verkehrswege vermittelte der 
Getreidehandel der Stadt Posen einen beträchtlichen Teil des 
provinziellen Exports, vornehmlich von Boggen nach Stettin, 
Berlin, Sachsen und Thüringen. Dazu trat in der Zeit deutscher 
Zollfreiheit der Zwischenhandel mit polnischem Gewächs. 

18Ö6 wurde in Posen die „Kaufmännische Vereinigung" 
als private Börsenorganisation gegründet. Sie sollte dem Bedürf- 
nis des Großhandels nach Sicherung des Verkehrs dienen und 
setzte auch sofort für den Zeithandel Usancen fest. Bereits 
1857 klagt der Handelskammerbericht: „Freilich hat diese 
Institution auch Elemente aktiv gemacht, denen der Handel 
nicht Zweck des Erwerbs, die Börse vielmehr nur zum Mittel, 
ohne efEektive Prozedur im Wege der Agiotage vermögend zu 
werden, dienen soll." Man wird darin nicht sogleich Outsiderspiel 
zu sehen haben, zumal bei den einfacheren Handelsverhältnissen 
und der entsprechend geringeren Berufsgliederung jener Zeit 
der Begriff des Outsiders nicht so streng wie heute zu fassen ist. 
Trotzdem werden wir annehmen müssen, daß die Organisierung 
des Zeithandels durch die Kaufmännische Vereinigung infolge 
größerer Spekulationsabschlüsse sogleich den Terminhandel mit 
sich geführt hat. 1865 wurde die Börse staatlich organisiert. 

Der Getreidezoll von 1879, mehr noch der von 1886 ruinierte 
den Posener Getreidehandel. Da im Osten des B/cichs der Zoll 
nicht voll zur Geltung kam, machte der Zoll Posen gegenüber 
dem Ausfuhrtransitverkehr Danzigs und Stettins in Polen kon- 
kurrenzunfähig, zumal Posen kein Transitlager zugestanden 
wurde. Damit schwand die Bedeutung, die Posen lange Zeit als 
Versorgungsplatz für Mitteldeutschland, besonders für Sachsen 
gehabt hatte. 1888 erfahren wir, daß der Terminhandel, der 
überhaupt nur in Boggen in Betracht kam, seit Jahren bereits 
ruht; nur 1887 sind wieder Notierungen vorgenommen worden. 

Anläßlich der für ganz Preußen 1888 erfolgten ministeriellen 
Regelung der Qualitätsbedingungen im Terminhandel forderte 
die Regierung in Posen die Bestätigung der Sachverständigen- 
Kommission durch den Oberpräsidenten. Nach heftigen Kämpfen 
für die Selbständigkeit der Kaufmannschaft mußte die Handels- 
kammer nachgeben, doch löste sich die Getreideterminbörse auf. 



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ßreslau. 45 

Die „Kaufmännische Vereinigung'* übernahm wieder die Leitung 
der Börsenorganisation, die sich aber seitdem auf den Effektiv- 
handel der Frühbörse beschränkte, im Gregensatz zu der alten 
Terminbörse, welche Mittagsbörse gewesen war. 

Breslau. 

Breslau besitzt in der Oder eine Wasserstraße von erheblicher 
Leistungsfähigkeit; jedoch waren Überschwemmungen und Ver- 
sandungen so häufige Erscheinungen, daß der Muß den Anfor- 
derungen eines größeren Gretreideverkehrs mit einiger Regelmäßig- 
keit erst nach umfangreichen Begulierungsarbeiten genügen konnte. 
Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes vollzog sich dagegen sehr 
rasch. 1842 wurde die erste kurze Strecke Breslau-Brieg er- 
öffnet, und schon 1846 war Breslau einerseits mit Berlin ver- 
bunden und trat dadurch mit Stettin, Hamburg, Thüringen und 
Hannover in Verbindung, andererseits wurde Oberschlesien bis 
Ratibor und Myslowitz erschlossen. 1847 erhielt Breslau die 
direkte Verbindung mit Sachsen über Görlitz und wurde über 
Berlin mit Rheinland- Westfalen verbunden. 1848 wurde über 
Oderberg der Anschluß an das österreichisch-ungarische Bahn- 
netz gewonnen. Die weiteren wichtigen Etappen folgten allerdings 
langsamer, 1866 die Strecke Breslau-Posen, 1869 die direkte 
Verbindung mit Prag über Ruhbank, und erst 1872 erhielt Bres- 
lau über Kempen- Wilhelmsbrück die direkte Verbindung mit 
Warschau. 

Die fruchtbare Provinz Schlesien lieferte dem Breslauer 
Getreidehandel reiches Material, das er nach Berlin, Sachsen 
und Thüringen, über Stettin und Hamburg zum englischen 
Export absetzte, häufig trat Breslau auch mit Rheinland- West- 
falen und Süddeutschland in Verkehr. Das schlesische Produkt 
wurde ergänzt durch Zufuhren aus dem Süden der Provinz 
Posen, aus Polen, Galizien, Ungarn und Mähren. 

Seit dem Beginn der öOer Jahre erstarkte der Breslauer 
Zwischenhandel. Die Entstehung des Terminhandels ist etwa 
in das Jahr 1856 zu verlegen. Der Jahresbericht der Handels- 
kammer für das Jahr 1854 hebt noch als seltene Erscheinung 
hervor, daß für rheinische Rechnung auf Frühjahrslieferung 
Ankäufe gemacht seien, „wenn selbige auch nicht zur Reali- 
sation kamen, sondern meist durch Rückverkäufe reguliert 
wurden. Das dadurch freigewordene, nicht unbedeutende Quan- 
tum Weizen nahm seinen Weg fast ausschließlich nach Stettin." 

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46 I^^r Gßtreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

Aber schon 1856 wurden Formulare zu Schluß- und Kündigungs- 
scheinen für den Lieferungshandel ausgearbeitet. Im selben Jahre 
erreichte der Lieferungshandel in Roggen einen „nie dagewesenen 
Umfang", „und verfehlte nicht, nach Maßgabe der Größe der 
schwebenden Verpflichtungen an den betreffenden Ablieferungs- 
terminen auf den Stand der Preise, Einfluß auszuüben". . . . 
„Schwindelnde Höhe der Stichtagpreise Ultimo Mai, Juni und 
Juli, nach denen weder Müller noch Bäcker kauften", wird be- 
richtet (Bericht von 1856). Besonderen Umfang nahm der Termin- 
handel an, wenn sich die Händler der Absatzgebiete an der 
Spekulation beteiligten. 

Schon 1858 mußte Breslau Klage erheben, daß die direkten 
Bahnverbindungen Posens, Oberschlesiens und Galiziens mit 
Sachsen und Berlin den Breslauer Getreidehandel beeinträchtigten. 
In den folgenden Jahren trat das immer deutlicher hervor und 
wurde noch dadurch verschärft, daß die Tarifpolitik der ost- 
deutschen Bahnen im Verein mit dem österreichisch-ungarischen 
Bahnnetz Staffeltarife geschaffen hatte, durch die die ver- 
sandete Oder völlig konkurrenzunfähig gemacht wurde, so daß 
der Breslauer Zwischenhandel auch im Verkehr mit Stettin 
ausgeschaltet wurde. 

Dann trat bis etwa 1875 eine gewisse Stetigkeit ein; der 
Handelsumfang schwankte je nach den Ernten. Seitdem ging 
es mit dem Breslauer Zwischenhandel mit raschen Schritten 
bergab. Die Provinz war volkreicher geworden und lieferte nicht 
mehr genügend Getreideüberschüsse, der Rübenanbau ver- 
minderte außerdem besonders die Weizenproduktion. Polen 
wurde in gleicher Weise überschußärmer, während das innere 
Rußland seine Vorräte mittels billiger Tarife nach der Ostsee und 
dem Schwarzen Meer schickte. Die Exporte über Stettin begeg- 
neten bald der tötenden amerikanischen und südrussischen Kon- 
kurrenz. 

So wurde die Börse Breslaus schwächer und schwächer, den 
innerprovinziellen Verkehr rissen die größeren Provinzorte an 
sich, und die Börsensteuer vermochte 1881 den Terminverkehr 
der Börse fast auf die Hälfte zu reduzieren. Der Umschwung in 
der verkehrspolitischen Bedeutung Breslaus kommt am schärfsten 
dadurch zum Ausdruck, daß Berlin bald regelmäßig niedrigere 
Preise notierte als Breslau. Die schlesische Hauptstadt rühmte 
sich einst, der größte Binnenhandelsplatz Deutschlands für Ge- 



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Frankfurt a. M. 47 

treide zu sein, in den 80 er Jahren sank es zu einem größeren 
Lokalmarkt herab. Auswärtige Beteiligung am Breslauer Termin- 
geschäft gehörte bald zu den Seltenheiten, und schon seit der Mitte 
der 80er Jahre zog sich selbst das Termingeschäft der Breslauer 
Händler mehr und mehr nach der Berliner Börse. Ende 1894 
wurde die Terminnotiz für Boggen gestrichen, nachdem Weizen 
und Hafer bereits jahrelang keinen Terminhandel aufgewiesen 
hatten. 

Frankfurt a. M. 

Frankfurt a. M. galt um die Mitte des 19. Jahrhunderts als 
der bedeutendste Börsenplatz des westlichen Deutschlands. 
Seine Lage unweit der Mainmündung, auf der Grenze zwischen 
Ober- und Mittelrhein ließ in Frankfurt die Hoffnung entstehen, 
den Gretreideverkehr der Bheinstraße mit den ost-westlichen 
Mainzufuhren in Frankfurt zusammenzufassen. Die Intelligenz 
seiner Kaufleute setzte es durch, daß Frankfurt früher als die 
konkurrierenden Rheinstädte Mainz und Mannheim bereits im 
Jahre 1862 eine Produktenbörse erhielt. Die Börsenorganisation 
belebte den Frankfurter Getreidehandel in der Tat sehr wesent- 
lich, indem viele auswärtige Händler den Platz wegen seiner 
strengen Usancen sowie seines obligatorischen Schiedsgerichts 
bevorzugten. Zwar erhielt Mannheim schon 1863 ebenfalls seine 
Börse, doch besaß Frankfurt immerhin einen Vörsprung, der 
um so bedeutender sein mußte, als Frankfurt weit mehr als 
Mannheim in der kaufmännischen Welt bekannt war. Dadurch 
wurde Frankfurt in den Stand gesetzt, „ein hier fast unbekanntes 
Geschäft", den Terminhandel, einzurichten. 

„Von mancher Seite zwar wurde diese Errungenschaft mit 
ungünstigen Augen angesehen und geradezu als Schwindel be- 
zeichnet." (Handelskammerbericht 1863.) Aber tatsächlich ge- 
lang es dieser künstlichen Einrichtung, für einige Jahre einen 
nicht unbedeutenden Teil des Getreidehandels dieser Rhein- 
gegend an sich zu ziehen. Durch rege Beteiligung auch des Aus- 
landes am Terminmarkt wurde Frankfurt maßgebend für die 
Preisentwicklung des Bezirks und trat im Rheingebiet neben 
Köln, die bedeutendste niederrheinische Getreidebörse. 

Einige Jahre hindurch vermochte Frankfurt den natürlichen 
Güterstrom zu beeinflussen, bis sich die kaufmännische Fracht- 
kalkulation als stärker erwies als der Weltruf des Ortes und der 
Handelseifer seiner Kaufleute.^ So plötzlich, wie er entstanden, 

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48 I^ßr Getreideterminhandel an den deutschen Produktenbörsen. 

verschwand der Terminhandel wieder. Nach kaum 10 Jahren 
bestand eine Produktenbörse in Frankfurt nur noch dem Namen 
nach. 

Mannheim. 

In Mannheim ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
der Getreidehandel, speziell der Weizenhandel, in rascher Ent< 
Wicklung zu größtem Umfang angewachsen. Doch ist es zu 
einem Terminhandel erst 1888 gekommen. Er ist bewußt ein- 
geführt worden, offenbar um die Kommissionen zu ersparen, 
die die Mannheimer Kauf leute bis dahin an auswärtigen Termin- 
börsen zahlen mußten. 

Die Entwicklung des Terminhandels ist schwach geblieben. 
Mannheim ist im wesentlichen Importplatz ausländischen Ge- 
treides. Deshalb hat ein Terminhandel für inländische Qualitäten, 
die den dortigen Terminhandelsbedingungen entsprechen, nur 
untergeordneten Wert für den Mannheimer Importeur. Ein 
Terminhandel in dem höher wertigen ausländischen Getreide 
war jedoch weder zugelassen, noch scheint er überhaupt durch- 
führbar, da auch die ausländischen Qualitäten unter sich die 
erheblichsten Unterschiede aufweisen, und im Mannheimer 
Handelsverkehr keine bestimmte Qualität eine entscheidende 
Bedeutung erlangt hat. Das Verbot des Getreideterminhandels 
durch das Börsengesetz von 1896 hat die Mannheimer Termin- 
aufträge meist dem Ausland zugeführt. 

Berlin. 

Berlin verdankt seine überragende Stellung unter den Ge- 
treidehandelsplätzen Deutschlands seiner Bevölkerungszahl, seiner 
beträchtlichen Mühlenindustrie und vor allem seiner Verkehrs- 
lage. Der Eigenkonsum Groß-Berlins an Brotkorn war allerdings 
stets ein sehr bedeutender, würde aber nicht hinreichen, die 
Stellung der Berliner Produktenbörse genügend zu erklären, da 
seit langem der überwiegende Teil des Berliner Brotkonsums als 
Mehl von den Provinzmühlen importiert wird. Die Größe seiner 
Börse beruht vielmehr wesentlich auf der zentralen Lage der 
Stadt zwischen dem ostdeutschen Produktionsgebiet und dem 
Bedarf Mittel- und Westdeutschlands im Knotenpunkte der 
Wasserverbindungen von Elbe und Oder, im Hauptsammelpunkt 
der norddeutschen Eisenbahnen. 

Als wesentlichste Daten im Ausbau der Eisenbahnverbin- 
dungen sind, abgesehen von der ersten kurzen Strecke Berlin- 



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Berlin. 49 

Potsdam, die 1838 eröfiFnet wurde, zu nennen: 1841 die Eröffnung 
der Anhalter Bahn über Dessau bis Köthen, 1842 die Linien 
Berlin-Stettin und Berlin-Frankfurt a. 0., 1844 die Verbindungen 
mit Magdeburg und Hannover, 1846 die Bahn Berlin-Hamburg, 
1847 der Anschluß an die schlesischen Bahnen bis Oderberg und 
Wien, 1848 die Verbindung mit Dresden und über Frankfurt 
a. O.-Kreuz mit Posen, 1849 über Thüringen mit Kassel, 1857 
über Frankfurt a. O.-Kreuz mit dem Netzegebiet, 1862 die Ver- 
bindung mit Warschau. 

Der Zwischenhandel Berlins vom Osten nach Mitteldeutsch- 
land und dem Westen wuchs mit der Bevölkerungsdichte der 
Bedarfsgegenden und den Verkehrserleichterungen. Da in der 
Zeit des vorwiegenden Wassertransports eine natürliche Be- 
schränkung des Verkehrs auf Herbst und Frühjahr bestand, hat 
sich in Berlin frühzeitig ein Lieferungshandel für diese Termine 
entwickelt, der als Konnossementhandel zu sehr einfachen, typi- 
schen Handelsfom\en ausgestaltet wurde. Wann sich der Ver- 
kehr genügend erweitert hatte, um Terminhandel zu werden, ist 
nicht genau zu sagen. Als Symptom sind die regelmäßigen 
Terminpreisnotierungen zu betrachten, von denen G. Cohn 
berichtet, daß er sie nach sorgfältigen Nachforschungen in der 
Registratur der Altesten der Kaufmannschaft erst seit dem Ende 
der 40 er Jahre gefunden habe. (Hildebrands Jahrbücher 1866.) 

Zunächst handelte es sich dabei um Terminhandel in Roggen. 
Auch ein Terminhandel in Hafer hat sich bereits in den öOer 
Jahren entwickelt. Berlins Weizenhandel dagegen war stets 
verhältnismäßig schwach, so daß Weizen erst 1866 in den Termin- 
verkehr einbezogen wurde. Der Terminhandel in Mais ist Ende 
der 70 er Jahre eingeführt worden. 

Im Laufe der Zeit ist der Berliner Getreidehandel vielen 
veränderten Konjunkturen unterworfen gewesen. Die Ent- 
wicklung Deutschlands zum Importland, die vielfach wechselnde 
Tarif politik der deutschen, österreichischen und russischen Bahnen 
die Steuer- und Zollpolitik Preußens und des Deutschen Reiches 
haben dem Berliner Handel tiefgreifende Veränderungen ge- 
bracht. Sie haben Berlin manches Verkehrsgebiet entzogen, 
doch nie die Grundlagen seines vielseitigen Getreidehandels zu 
erschüttern vermocht. Der Berliner Getreidehändler hat es 
stets verstanden, sich allen Situationen anzupassen. Wohl ist 
die Bedeutung der Reichshauptstadt als Getreidestapelplatz 
zurückgegangen, aber die Berliner Kaufleute hielten auch den 

P i n n e r , Getreideterminhandel. ^ {^ ] 

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50 I^iö Börsengesetzgebung. 

direkten Transport vom Produktionsgebiet zum Konsumtions- 
gebiet in ihren Kontoren und an ihrer Börse fest. Auch der aus- 
ländische Import über Hamburg nach Thüringen und Sachsen 
wurde von vornherein Berlins Domäne, und noch heute ist es un- 
entschieden, ob das durch seine Lage als natürlicher Vorort so 
begünstigte Hamburg hier Berlin den Zwischenhandel entwinden 
wird. So kam an der Berliner Terminbörse nicht nur der Berlin 
selbst berührende Getreidehandel, sondern ein großer Teil des 
mitteldeutschen Gretreideverkehrs überhaupt zur Erscheinung, 
verstärkt noch durch das kapitalkräftige, unternehmungslustige 
Berliner Spekulantentum. 

Bereits in den 70 er Jahren wurde die Berliner Produkten- 
börse die tonangebende deutsche Produktenbörse, die zunächst 
die ausländische Beteiligung am deutschen Getreideterminhandel 
im wesentlichen konzentrierte. Dadurch erlangte Berlin seine 
grundsätzlich von den anderen deutschen Getreidebörsen ab- 
weichende Stellung als Weltbörse, die der Vermittler zwischen 
dem deutschen Getreidemsurkt und dem Weltmarkt war. Und in 
kaum einem Jahrzehnt hatte Berlin fast den gesamten deutschen 
Terminverkehr konzentriert. 

Wir haben gesehen, daß die meisten deutschen Provinzial- 
börsen durch handelspolitische Umwälzungen in dieser Zeit 
an Bedeutung für den Getreideverkehr stark einbüßten. Die 
Schwächung ihres Terminverkehrs von innen heraus gab den An- 
stoß, ihn in kurzer Zeit der immer mächtiger werdenden Kon- 
kurrenz der Berliner Terminbörse erliegen zu lassen. Denn die 
Provinzbörsen können der Zentralbörse nur so lange standhalten, 
als sie die Sicherheit bieten, jederzeit für große Quanten ohne Kurs- 
beeinflussung aufnahmefähig zu sein. Als diese Voraussetzung 
fortfiel, mußte es sehr bald auch den Mitgliedern der provinziellen 
Terminbörse vorteilhafter erscheinen, ihre Termingeschäfte in 
Berlin zu schließen, trotz der Kommissionen, die sie dort zahlen 
mußten. 

C. Die Börsengesetzgebnng. 

a) Die Forderung gesetzlicher Eingriffe und die Börsenenquete- 
Kommission. 

In den 80 er Jahren hatte sich der deutsche Getreidetermin- 
handel nach Berlin konzentriert und war am Berliner Markte 
zu außerordentlichem Umfange gelangt. Andererseits begann 



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Die Forderung gesetzt. Eingriffe und die Borsenenquete-Kommission. 51 

die Spielwut, die weite Kreise ergriffen hatte, auch an der Getreide- 
börse ihre Orgien zu feiern. Die öffentliche Meinung nahm bald 
gegen das Spielunwesen an den deutschen Börsen scharf Stellung. 
Petitionen, die im Reichstag von den Mitgliedern der verschieden- 
sten Parteien eingebracht wurden, ersuchten den Bundesrat 
um eine Gesetzesvorlage, nach welcher dem Mißbrauch des Zeit- 
geschäfts als Spielgeschäft» sowohl an der Börse wie anderwärts, 
namentlich in den für die Volksemährung wichtigen Artikeln 
durch eingreifende Bestimmungen auf dem Grebiete des Straf- 
rechts und des bürgerlichen Rechts entgegengetreten werden 
soUte (Drucks, d. Reichstages, Nr. 528 8. L. P. I. Sess. 1890/2). 

Die Geschichte der Börsenspekulation und ihrer Haupt- 
geschäftsform, des Terminhandels, ist von gesetzgeberischen Ver- 
suchen begleitet, das Börsenspiel zu verhindern. Für die Waren- 
börse kommen außer 2 alten holländischen Edikten'^) aus der 
großen Amsterdamer Si)ekulationsepoche solche Gesetze nicht in 
Frage, da der Warenterminhandel seit der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts neu entstanden war; wohl aber für die Effektenbörse. 
Eine Scheidung des Spiels von dem berechtigten und not- 
wendigen Terminverkehr ist am Effektenmarkt außerordentlich 
schwer, ja sie scheint unmöglich zu sein. Deshab hat der Ge- 
setzgeber in Augenblicken grober Börsenausschreitungen stets 
zu dem plumpen Mittel gegriffen, das Termingeschäft völlig zu 
verbieten. Aber indem er damit notwendige Geschäftsformen 
vernichten wollte, hat sich stets wieder seine Machtlosigkeit 
gezeigt. Bezeichnend hierfür ist die Begründung, mit der die 
preußische Regierung 1860 im Landtage die Aufhebung ihrer 
Verordnungen von 1836, 1840, 1844 beantragte, in den sie Zeit- 
geschäfte in allen ausländischen Wertpapieren sowie inländischen 
Eisenbahn-Aktienpromessen und Interimsscheinen verboten und 
für null und nichtig erklärt hatte : die Durchführung des Verbotes 
hätte Berlins Bedeutung als Börsenplatz vernichten müssen. 
„Wenn dies nicht geschehen ist, so liegt der Grund lediglich 
in dem Umstände, daß in dem kaufmännischen Verkehre der 
gerichtliche Schutz bis zu einem gewissen Grade durch die Be- 
griffe der kaufmännischen IJhre ersetzt wird, und daß die letztere 
die Unterscheidung des Gesetzes zwischen klagbaren und nichtigen 
Geschäften ignoriert, solange diese Unterscheidungen nicht mit 
dem allgemeinen Rechtsbewußtsein in Übereinstinmiung 



•*) Abgedruckt bei Jacobsohn: „Tenninhandel in Waren", S. 67- 

4* . 

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52 ^i^ Borsengesetzgebung. 

stehen"**). Fast nach jeder stärkeren Börsenkrise finden wir in 
Holland, in England, in Frankreich ähnliche Gesetze mit ähnlichem 
Erfolge erlassen. Zumal dort^ wo die Börsen private Organisa- 
tionen waren, hatten Verbote des Terminhandels nur die Be- 
deutung, daß sie den Differenzeinwand zuließen; damit konnte 
man wohl für kurze Zeit eine Einschränkung des Outsider-Spiels 
hervorrufen, bis das ganze Gesetz der Vergessenheit anheim- 
gefallen war. 

Auch in Deutschland bot das bürgerliche Recht die Hand 
habe des Differenzeinwandes, indem reine Differenzgeschäfte 
dem Spiel gleichgestellt waren. Bis 1892 hielt jedoch das Beichs- 
gericht daran fest, daß zur Annahme eines solchen klaglosen 
Differenzgeschäfts zwischen den Parteien ausdrücklich dahin 
kontrahiert sein müsse, daß die effektive Lieferung ausgeschlossen 
sein sollte. Seitdem dagegen erklärte das Reichsgericht für ge- 
nügend, daß aus den jeweils vorliegenden Verhältnissen geschlossen 
werden könne, daß die Kontrahenten nur die Zahlung der Differenz 
gewollt hätten. „Mißverhältnis (der Abschlüsse) zu dem Ver- 
mögen des Spekulanten sowie die ausschließliche Abwicklung 
durch Berechnung der Differenzen kommen als Umstände in 
Betracht, aus welchen auf eine vereinbarte Ausschließung effek- 
tiver Erfüllung geschlossen werden kann"*'). Infolge dieser 
Rechtsprechung war allerdings der Kommmissionär gezwungen, 
den Personenkreis, mit dem er Termingeschäfte schließen wollte, 
stärker zu beschränken, sich die Kommittenten auf ihre kauf- 
männische Stellung genau anzusehen; die veränderte Stellung- 
nahme des Reichsgerichts stellte sich als ein erfolgreicher Versuch 
dar, die gröbsten Formen des Börsenspiels zu beseitigen. Aller- 
dings folgten nicht alle Gerichte darin dem Reichsgericht, und 
man empfand bald die Unsicherheit der Rechtslage als* sehr 
störend. Außerdem pflegt die Zulassung des Differenzeinwandes 
eine schwere Schädigung des Rechtsbewußtseins im Volke dadurch 
herbeizuführen, daß sich seiner im wesentlichen die gewissenlosen 
Spekulanten bedienen, die risikolos Termingeschäfte schließen, 
indem sie die entstandenen Grewinne einstreichen, sich einer 
Verlustzahlung aber durch Erhebung des Differenzeinwandes 
entziehen. Auch hier sollte das zu erlassende Börsengesetz durch 
Schaffung klarer Rechtsverhältnisse Abhilfe bringen. 



**) 6. Oohn: Nationalök. d. Handels und Verkehrswesens, S. 374. 
»») Pfleger: a. a. 0. Teil II, S. 130ff. 



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Die Forderung gesetzl. Eingriffe und die Börsenenquete-Kommission. 53 

Doch schien zunächst die Veranstaltung einer Enquete 
notwendig, die über die Möglichkeiten gesetzlicher Eingriffe 
Vorschlage machen sollte» da allgemein große Unklarheit über 
Wesen und Wert des Terminhandels in Effekten sowohl wie in 
Waren bestand. Der Reichskanzler berief zu diesem Zwecke 
die sogenannte Börsenenquetekommission, die am 6. April 1892 
zusammentrat und am 11. November 1893 ihren Schlußbericht 
an den Reichskanzler erstattete'^). 

Abgesehen von der Bekämpfung des Börsenspiels hatte sich 
die Börsenenquete-Kommission im besonderen betreffs des Ge- 
treideterminhandels mit einer Reihe von Mißständen zu befassen, 
die sich infolge der Qualitäts- und Andienungsbestimmungen im 
Berliner Getreideterminhandel herausgestellt hatten; ferner mit 
Angriffen, die sich prinzipiell gegen diese Geschäftsform richteten 
und sich auf die vermeintliche Baissetendenz des Terminhandels 
stützten oder das Verbot des Getreideterminhandels zur Vervoll- 
ständigung des lückenlosen Zollschutzes forderten. Wir haben 
sowohl diese Mißstände als auch die prinzipiellen Angriffe an 
früherem Ort dargelegt und brauchen hier nicht mehr darauf 
einzugehen. 

Das Verbot des Terminhandels in Getreide wurde von den 
landwirtschaftlichen Wortführern in der BEK. noch nicht mit 
der späteren Energie gefordert. Die BEK. beschloß daher auch, 
das Verbot nicht vorzuschlagen ; sie erkannte vielmehr den Wert 
des Terminhandels, besonders für die Warenbörsen, ausdrück- 
lich an. 

Dagegen machte sie zur Bekämpfung der Mißstände 
im Terminhandel eingehende Reformvorschläge. Das Börsenspiel 
suchte sie durch Einführung des Börsenterminregisters zu be- 
kämpfen. Dieses Register sollte, ähnlich dem Handelsregister, 
bei den Amtsgerichten geführt werden. Nur die Eintragung 
beider Kontrahenten eines Börsentermingeschäfts in das Termin- 
register sollte dem Geschäft völlige Rechtssicherheit verleihen, 
während Termingeschäfte mit nicht eingetragenen Personen 
Rechtsschutz nicht genössen. Man glaubte, daß sich Outsider 
in das Register nicht würden eintragen lassen, um nicht in den 
Ruf des Spielers zu geraten, da die Registereintragungen ver- 
öffentlicht werden sollten. Die kleinen Leute suchte man außer- 



'*) Über die Verhandlungen und die Ergebnisse der BEK. vgl. 
die Arbeiten von Pfleger und Gschwind: „Die deutsche Börseureform*'. 



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54 I^i^ Börsengesetzgebung. 

dem durch hohe Eintragungsgebühren fernzuhalten. Andererseits 
sollte das Bisiko der Schutzlosigkeit Spielgeschäfte mit nicht 
eingetragenen Personen verhindern, während gleichzeitig den 
in das Börsenregister eingetragenen Kaufleuten die durch die 
Beichsgerichts-Rechtsprechung verlorene Rechtssicherheit wieder- 
gegeben würde. 

Der Vorschlag schien an sich brauchbar zu sein, zumal 
der Gesetzentwurf des Bundesrats die Eintragungsgebühren 
auf eine angemessene Höhe herabsetzte, um nicht kleinere Ge- 
treidehändler ungebührlich zu belasten. Was ihn aber energischer 
Ablehnung seitens des Kaufmannsstandes aussetzte, war die 
Befürchtung der Kaufleute, durch die Eintragung selbst als 
Spieler angesehen zu werden. Diese Befürchtung war umsomehr 
gerechtfertigt, als die Unkenntnis der Aufgaben des Termin- 
geschäfts und die Leidenschaft der agrarischen Angriffe gegen die 
Börse im Bewußtsein der Öffentlichkeit jeden unterschied zwischen 
Spiel und Termingeschäft verwischt hatten. Es ist an der Getreide- 
börse zur Probe auf das Exempel nicht gekommen, da der Reichs- 
tag für Getreide und Mühlenfabrikate das völlige Verbot des 
Terminhandels erließ. Dagegen haben die Erfahrungen an der 
Effektenbörse und vor allem an den Zucker- und Kaffeebörsen 
das völlige Scheitern aller auf das Register gesetzten Hoffnungen 
erwiesen. 

Um die Mißstände zu beseitigen, die sich betreffs der Qualität 
der Lieferungsware herausgebildet hatten, schlug die Kommission 
vor, den Verkäufer bei Andienung unkontraktlicher Ware sofort 
in Erfüllungsverzug geraten zu lassen. Diese Bestimmung er- 
scheint unbedingt als zu streng, da sie den Verkäufer zu sehr dem 
Ermessen der Sachverständigen aussetzt. Obwohl sie in das Gesetz 
später aufgenommen worden ist, hat sie doch keine Bedeutung 
für die Getreidebörse gewonnen, da es seit Inkrafttreten des 
Börsengesetzes kein Börsentermingeschäft in Getreide im juristi- 
schen Sinne gegeben hat. Wertvoller ist der Vorschlag, den die 
BEK. mit Rücksicht auf die Berliner Speicherverhältnisse nicht 
zum Gesetz erheben lassen wollte, den sie jedoch zur Einführung 
empfahl: daß nur solche Ware angedient werden könne, welche 
vorher von den Sachverständigen für kontraktlich erklärt worden 
sei. Dieser Vorschlag ist seit 1900 in den Kontrakt des Handels- 
rechtlichen Lieferungsgeschäfts aufgenommen worden und hat sich 
seither bewährt. 



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Das Börsengesetz vom 22. Juni 1896. 55 

b) Das BSrsengesetz vom 22. Juni 1896. 

Die Vorschläge der BEK. gingen^ in wenig veränderter Form 
in den Gesetzentwurf über» den der Bundesrat dem Reichstag 
1894 vorlegte. Unterdessen aber erhob der Bund der Landwirte 
immer dringender die Forderung des Verbots des Getreidetermin- 
handels. Seit 1891 waren die Preise für Weizen und Boggen 
außerordentlich gefallen. Nach Jöhlinger '^) betrugen die Durch- 
schnittsnotierungen für Terminqualität in Berlin in Mark per 
1000 kg: 

Boggen Weizen 

1890 170,0 195,4 

1891 211,2 224,2 

1892 176,3 176,4 

1893 133,7 löl,ö 

1894 117,8 136,1 

1895 ........ 119,8 142,6 

Es war die Zeit, in der die überseeische Konkurrenz für die 
deutsche Landwirtschaft am schwersten fühlbar war. Eine leiden- 
schaftliche Erregung bemächtigte sich großer Kreise der 
Landwirtschaft und richtete sich besonders gegen die Börse. 
Das ging so weit, daß man in Erinnerung an bekannt 
gewordene Börsenausschreitungen die Ehrlichkeit der Börsen- 
kaufleute allgemein und vornehmlich die Bedlichkeit der Preis- 
notierungen seitens der Börsenvorstände offen anzuzweifeln 
wagte. Und nur diese Not der Landwirtschaft mag es erklären, 
daß das Verbot des Gretreideterminhandels damals Gresetz wurde. 
Nicht die sachliche Überzeugung von der Schädliehkeit des 
Getreideterminhandels entschied im Parlament, sondern gegen- 
über den ernsten Warnungen der Begierung ließen sich die 
ausschlaggebenden Parteien von der Bücksicht auf ihre Wähler, 
auf das „Volksgefühl" bestinmien'*). 

Das Gresetz wurde am 22. Juni 1896 im Beichstag in dritter 
Lesung angenommen. Die Unreinlichkeit der dargelegten Ent- 
stehungsgeschichte hängt aber auch der juristischen Konstruktion 
des Gresetzes an, und nur zu bald wurde das Gresetz allgemein als 
verfehlt erkannt. 



") Praxis des Getreidegeschäfte, S. 365. 
") S. Goldenbaum: a. a. 0. S. 1061. 



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56 I^i^ Börsengesetzgebung. 

Das Börsengesetz brachte für den Getreideterminhandel das 
völlige Verbot. § 50* lautete: „Der börsehmäßige Terminhandel 
in Gbtreide und Mühlenfabrikaten ist untersagt/' 

Die Folgen des Verbots regelte börsenpolizeilich § 51 ^ : 

„Insoweit der Börsenterminhandel in bestimmten Waren 
. . . untersagt ist, sind Börsentermingeschäfte in diesen 
Waren . . . von der Benutzung der Börseneinrichtungen 
ausgeschlossen und dürfen von den Kursmaklem nicht 
vermittelt werden. Auch dürfen für solche Geschäfte, sofern 
sie im Inland abgeschlossen sind, Preislisten (Kurszettel) 
nicht veröflEentlicht oder in mechanisch hergestellter Ver- 
vielfältigung verbreitet werden." 
Die zivilrechtliche Wirkung des verbotenen Börsentermin- 
geschäfts hatte das Börsengesetz nicht ausdrücklich geregelt. 
In der Sitzung des Reichstags vom 6. VI. 1896 hatte Beichs- 
bankdirektoriums-Präsident Koch als Kommissar des Bundesrats 
allerdings erklärt, daß nach Ansicht der verbündeten Begierungen 
§ 51 ^ die Folgen des Verbots erschöpfend regele. Das Gesetz be- 
gnüge sich damit, die deutschen Börseneinrichtungen dem ver- 
botenen Börsentermingeschäft zu sperren. Diese Erklärung 
aber, bei der Diskussion einer untergeordneten Frage abgegeben, 
scheint in ihrer Bedeutung von dem Reichstag überhört worden 
zu sein. Es ist recht zweifelhaft, ob sich der Reichstag mit ihr 
einverstanden erklärt hätte, wie das die Regierung noch 1901 als 
geschehen annahm*'), wenn ausdrücklich die Regierungsansicht 
vorgetragen worden wäre, daß verbotene Börsentermingeschäfte 
zivilrechtlich vollgültig bleiben sollten. In der Tat hat auch die 
Börse selbst aus dem Gesetzeswortlaut nicht diese Konsequenz 
gezogen. Die Frage muß als vom Gesetzgeber vergessen betrachtet 
werden, und es war notwendig und wohl auch richtig, wenn das 
Reichsgericht schon in seiner Entscheidung vom 10. XII. 1898 
(Jelegenheit nahm, darauf hinzuweisen, daß es verbotene Börsen- 
termingeschäfte für unklagbar halte. Dies sei als der Wille des 
Gesetzgebers aus den entsprechenden Bestimmungen des Börsen- 
gesetzes für zugelassene Termingeschäfte zwischen Personen, 
welche nicht in das Börsenregister eingetragen sind, zu entnehmen. 
Vom 1. 1. 1900 ab, mit der Einführung des BGB., wurde diese 
Zweifelsfrage jedenfalls gelöst, indem nach § 134 BGB. die ver- 
botenen Börsentermingeschäfte nichtig wurden. Es trat damit 



'') S. Anmerkung 49. 

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Die Auflösung der Berliner Produktenbörse. 57 

eine Verschärfung der zivilreohtliohen Bedrohung der verbotenen 
Börsentermingeschäfte ein, da sie bis dahin vom Reichsgericht 
nur als klaglos bezeichnet worden waren; es konnte also vom 
1. 1. 1900 ab auch bei oder nach Erfüllung Geleistetes inner- 
halb 30 Jahren zurückgefordert werden, während bis dahin eine 
Bückforderung unzulässig war. 

Durch das Verbot des Gbtreideterminhandels waren, he- 
Bondere Bestimmungen gegen das Börsenspiel für die Getreide- 
börse hinfällig geworden. In Betracht kam nur noch § 78 BG., 
der die gewohnheitsmäßige Verleitung anderer unter Ausbeutung 
ihrer Unerfahrenheit oder ihres Leichtsinns zu Börsenspekula- 
tionen, welche nicht zu ihrem Gewerbebetrieb gehören, mit Ge- 
fängnis und Geldstrafe bis zu 15 000 Mark bedrohte. 

Ebenso waren durch das Terminhandelsverbot die Reform- 
wünsche in bezug auf die Terminhandelsorganisation eigentlich- 
überflüssig geworden. Wir haben jedoch gezeigt, daß sich in den 
Kreisen der Landwirtschaft ein leidenschaftliches Mißtrauen 
gegen den Getreidehandel überhaupt herausgebildet hatte. Das 
Gesetz trug dem Rechnung, indem für die Leitung der Produkten- 
börse die Mitwirkung der Landwirtschaft vorgesehen wurde. 
Die Form dieser Mitwirkung blieb der Anordnung der Landes- 
regierung überlassen**). In Verfolg des preußischen Gresetzes 
über die Landwirtschaf tskammem von 1894 ordnete die preußi- 
sche Regierung diese Mitwirkung dahin, daß von den Landwirt- 
schaftskammem in die Vorstände der in ihrem Bezirk gelegenen 
Produktenbörsen meist 3 Landwirte zu entsenden seien. 

e) Die Auflösung der Berliner Produktenbörse und das Handels- 
rechtliche Lieferungsgeschäft. 

Zweifellos mit Recht fühlten sich die Kaufleute durch diese 
Überwachung, die ihnen durch die Landwirtschaft zugedacht 
war, beleidigt. Die aus der Luft gegriffenen Angriffe gegen die Ehr- 
lichkeit der Börsenpreisnotierungen mußten die Kaufleute gegen 
die Delegierung der Landwirte durch die Landwirtschaf tskammem 
umsomehr erregen, als ihnen von diesen verschiedentlich zuge- 
mutet wurde, gerade diejenigen Personen als Überwachungs- 
organe in ihrem Börsenvorstande zu sehen, die in der Kampagne 
gegen die Börse am lautesten die Ehrlichkeit der Börsenvorstände 
angezweifelt hatten'*). Da weder die Regierung noch die Kauf- 



»•) BG. § 4. 

»•) Wiedenfeld: „Die Börse...", S. 14flE. 



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58 I^i© Börsengesetzgebung. 

mannsohaft ns^chgab, lösten sich mit Inkrafttreten des Börsen- 
gesetzes und der neuen, teilweise aufoktroyierten Börsen- 
ordnungen eine Reihe von deutschen Produktenbörsen auf. Da- 
mit begaben sich die Kaufleute der erheblichen Vorteile, die das 
Bestehen einer Börse für die Geschäftsabwicklungen mit sieb 
bringt, vor allem des obligatorischen Schiedsgerichts. Stärker 
aber empfanden die außerhalb stehenden Kreise das Fehlen der 
offiziellen Börsennotierungen. Die zuverlässigen offiziellen 
Notierungen waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Haupt- 
grund für die Entstehung vieler deutscher Produktenbörsen ge- 
wesen, sie waren auch jetzt eine starke Waffe, um die Landwirt- 
schaft zur Rücksichtnahme auf den Handel zu zwingen. Von der 
weitesttragenden Bedeutung war dabei die Auflösung der Berliner 
Produktenbörse, da sie zugleich dem Kampfe um das Termin- 
geschäft galt ; und nur dieses Zusanmienhangs zwischen der Auf- 
lösung der Börse und der Entwicklung des Terminhandels wegen 
müssen wir hier auf diese Wirkung des Börsengesetzes eingehen*®). 
Berlin war die tonangebende Börse für ganz Deutschland, 
die den Provinzbörsen die Preise diktierte. Deshalb war die 
Berliner Preisnotierung und vor allem die Terminnotierung, 
dieser feinste Preismesser der Börse, für den Gretreidehandel 
unentbehrlich. In der Tat ist auch die Berliner Produktenbörse 
nicht zerstört worden. Die Gtetreidehändler, die bereits im Herbst 
1896 sich in der Freien Vereinigung der Berliner Produktenbörse 
zusammengeschlossen hatten, wechselten nur das Lokal ihrer 
Zusammenkünfte. Sie zogen vom 2. Januar 1897 ab in den Feen- 
palast, n^ben der alten Börse, und verzichteten auf einige un- 
wesentlichere Börseneinrichtungen, wie das offizielle Schiedsgericht 
und offizielle Kündigungseinrichtungen. An die Stelle des Börsen- 
vorstandes trat der Vorstand des aus der Freien Vereinigung 
der Produktenbörse hervorgehenden Vereins der Berliner (Jetreide- 
und Produktenhändler. Es ist daher wirtschaftlich selbstver- 
ständlich berechtigt, wenn das Oberverwaltungsgericht am 
26. XI. 1898 die.Versanmilungen der Berliner Getreidehändler 
im Feenpalast als Börse bezeichnete. Nur auf das eine wesent- 
liche Charakteristikum der Börse wurde sehr bald auch verzichtet, 
welches für alle (Jetreideinteressenten und besonders die Land- 
wirtschaft von wesentlicher Bedeutung war. Während in der ersten 



**) Vgl. dazudieausführlichen Arbeiten von Golden bäum, Wermert 
und Buesch. 



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Die Auflösung der Berliner Produktenbörse. 59 

Zeit die Freie Vereinigung der Produktenbörse in gewohnter 
Weise Preisnotierungen vomahm und veröffentlichen ließ, stellte 
sie sehr bald diese halboffiziellen Notierungen mit Bäcksicht 
auf das Handelsrechtliche Lieferungsgeschaft ein, und dies be- 
sonders ist es, was dem Streik der Getreidehändler schließlich 
Erfolg gab. Es zeigte sich bald, daß die Notierungen der Berliner 
Börse für die Landwirtschaft sowohl wie für die Konsumenten 
notwendig waren. Die überragende Stellung, die die Berliner 
Börse für ganz Mittel- und Ostdeutschland errungen hatte, beruhte 
auf den tatsächlichen Verhältnissen des deutschen Gretreidehandels, 
da Berlin für diese Gebiete der unentbehrliche Zentralmarkt war. 
Die Stärkung der Provinzialmärkte, die die Landwirtschaft von der 
Aufhebung des Terminhandels erwartet hatte, war ein Phantom, 
das mit diesem formalen Mittel nicht erreicht werden konnte^^). 
Die Regierung machte allerdings Versuche einer regelmäßigen 
Marktpreisnotierung von denProvinzmärkten ; ebenso organisierten 
die Landwirtschaftskannnem einen Nachrichtendienst über Ge- 
treidepreise, welche noch stärker dezentralisiert gesammelt wurden. 
Beide Versuche erwiesen sich als völlig unzureichend, ihre Notie- 
rungen bUeben für den Gtetreideverkehr gänzlich unmaßgeblich*^) 
Die Klagen aus landwirtschaftlichen Kreisen über die Unbrauch- 
barkeit dieser Notierungen mehrten sich, während der Getreide- 
händlerstand in der Provinz durch seine Geschäftsverbindungen 
mit Berlin die offiziellen Börsennotierungen leichter entbehren 
konnte. Und es ist bezeichnend, daß dem Provinzialhändlerstand 
an einer Wiederherstellung der Berliner Produktenbörse weniger 
gelegen war, weil er die Unsicherheit der Landwirte über die Ge- 
treidepreise zu seinem Vorteil ausnutzen konnte, indem er ihnen 
niedrigere Preise aufzuzwingen imstande war**). Ausschlaggebend 
war vielleicht die Schädigung, die der Militärfiskus bei Proviant- 
einkäufen erlitt, so daß die Oberrechnungskammer stark auf Wie- 
derherstellung der Berliner Produktenbörse gedrängt haben soll. 
Friede aber war mit den Berliner Getreidehändlem nur um den Preis 



*^) Siehe die kleine Streitschrift des Vereins Berliner Getreide- und 
Produktenhänder vom Jahre 1809: „Der preußischen Landwirtschafts- 
kammem Zentralnotierungsstelle". 

^*) Vgl. die energische Bloßstellung dieser Notierungen durch den 
Sächsischen Provinsnalverein für Getreide- und Produktenhandel in den 
beiden Schriften „Über die Notierungen der Getreidepreise". Halle 1899. 

*') Wiedenfeld: „Wesen und Wert der Zentralproduktenbörsen". 
J. f. G. u. V. 1903, S. 519. 



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60 I^iß Börseogesetzgebung. 

des Terminhandels zu erlangen, denn wie wir gleich sehen werden, 
hatten die (Jetreidehändler einen Ausweg aus dem Verbot des 
Terminhandels gefunden, für dessen Sicherung ihnen die Bückkehr 
zur offiziellen Börse als inopportun erscheinen mußte, solange 
nicht über die Zulässigkeit der neuen Geschäftsform eine Einigung 
mit der Regierung erzielt war. 

Das Börsengesetz war, was in der Hauptsache auf seine 
politische Entstehungsgeschichte zurückzuführen ist, juristisch 
so unklar gefaßt, daß es einer Umgehung des Verbotes des Ge- 
treideterminhandels bequeme Handhaben zu bieten schien. 

§ 48 des Gesetzes gab eine Definition des Börsentermin- 
geschäftes. Danach waren als Börsentermingeschäfte vom Gesetz- 
geber Geschäfte auf fest bestinmite Lieferungszeit bzw. -frist 
bezeichnet, wenn sie nach vom Börsenvorstand festgesetzten 
Bedingungen geschlossen werden, und wenn amtlich eine Preis- 
notierung erfolgt. 

Die Bestimmung, daß die Geschäfte auf eine fest bestimmte 
Lieferungszeit bzw. -frist geschlossen werden müssen, ent- 
spricht dem Charakter des Fixgeschäftes (ADH6B. Art. 357, 
H6B. § 376). Die Börse war in Übereinstimmung mit hervor- 
ragenden Juristen der Anschauung, daß (Jeschäfte, die von den 
Merkmalen des § 48 B6. irgendwie abwichen, nicht von dem 
Verbot des Börsentermingeschäfts ergriffen werden konnten, da 
sie dann nicht Börsentermingeschäfte im Sinne des § 48 seien. 
Aus diesem Grunde ließ der Verein Berliner Getreide- und Pro- 
duktenhändler einen neuen Schlußschein zusammenstellen, der 
weder vom Börsenvorstand festgesetzt war, noch an dem Fix- 
charakter des Geschäftes festhielt, vielmehr die Bestimmung 
enthielt, daß bei Nichterfüllung des Vertrages dem säumigen 
Teil eine angemessene Nachfrist gestellt werden mußte. Auf 
Grund dieser Schlußscheine spielte sich bereits seit dem Herbst 
1896 der Terminverkehr der Berliner Produktenbörse ab. Zur 
Unterscheidung von den Börsentermingeschäften der Definition 
des Börsengesetzes bezeichnete man die neue Geschäftsform als 
Handelsrechtliches Lieferungsgeschäft. 

Dieser Name hat sich erhalten. Wir müssen aber daran 
festhalten, daß es sich hierbei um eine juristische Unterscheidung 
handelt, die einer unglücklichen Gesetzgebung ihren Ursprung 
verdankt, gekünstelt ist, und die jedenfalls über den Bereich 
des Juristischen hinaus wenig Berechtigung hat. Das Handels- 
rechtliche Lieferungsgeschäft ist durchaus imstande, die Auf- 



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Die Auflösung der Berliner Produktenbörse. ß\ 

gaben des Terminhandels zu erfüllen, und stellt daher für den 
Nationalökonomen nichts anderes als eine veränderte Form des 
Termingeschäftes dar. 

Juristisch aber, nahm man an, sei das Handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft kein Termingeschäft im Sinne des § 48 und 
unterliege daher auch nicht den Folgen des Verbots. 

Da die Berliner Produktenbörse, wie bereits dargelegt, sich 
am 1. I. 1897 offiziell auflöste, hatte sich zunächst weder der 
Börsenvorstand noch die Regierung als Aufsichtsinstanz damit 
zu befassen, ob das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft in Gre- 
treide als Börsentermingeschäft im Sinne des Gesetzes aufzu- 
fassen sei; während das ganz analog eingeführte Handelsrecht- 
liche Lieferungsgeschäft an der Effektenbörse vom Börsenvor- 
stand zugelassen wurde**). Aus Vorsicht aber stellte die Freie 
Vereinigung der Getreidehändler ihre inoffiziellen Preisnotierun- 
gen nach wenigen Tagen ein, um auch der letzten Bestimmung 
des § 48 gerecht zu werden, obwohl dieser nur amtliche Preis- 
notierungen verbot. 

Ebensowenig führte es zu einer amtlichen Stellungnahme 
gegenüber dem Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäft, als die 
Regierung die Feenpalast-Versammlungen im Mai 1897 als „Börse'* 
erklärte. Der Verein Berliner Getreide- und Produktenhändler 
ließ es zu einem Konflikt mit der Regierung nicht eigentlich 
kommen. Obwohl die prinzipielle Frage erst am 26. XI. 1898 
von dem Oberverwaltungsgericht entschieden wurde, gab man 
doch die Versammlungen im Feenpalast auf und unterzog sich 
einer Form der Zusammenkünfte, die für den Kaufmannsstand 
selbst außerordentlich umständlich war, und die kaum noch im- 
stande war, die Funktionen einer Börse zu erfüllen. Die Getreide- 
händler mieteten die Räumlichkeiten des ehemaligen Heiliggeist- 
Hospitals, indem die Firmen sich zu mehreren in ein Zimmer 
teilten, so den Schein eines Kontors aufrecht erhaltend. Der 
Verkehr vollzog sich von Kontor zu Kontor. Es war aber natür- 



**) Der Kontrakt der Darmstädter Bank wurde von den Beteiligten 
am ersten Tage naeh Inkrafttreten des Börsengesetzes beim Handels- 
minister und auf dessen Weisung dem Börsenvorstand eingereicht und ihm 
die Frage ziu* Entscheidung unterbreitet, ob diese Handelsrechtlichen 
Lieferungsgeschäfte an der Börse zulässig seien; der Börsenvorstand be- 
jahte dies, ohne daß der in der Sitzung anwesende Staatskommissar hier- 
gegen eine Beschwerde einlote (Riesser: „Stand imd Aussichten..*' 
a. a. O. S. 20). 



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62 I^iö BÖrsengesetzgebuDg. 

lieh nicht zu vermeiden, daß sich der Geschäftsverkehr in der 
Hauptsache auf den Korridoren zusammendrängte; zweifellos 
hätte die Regierung das Recht gehabt, nach der Definition der 
Börse, die das Oberverwaltungsgericht am 26. XI. 1898 gegeben 
hatte, auch die Zusammenkünfte im Heiliggeist-Hospital als 
Börse zu erklären. Die Regierung machte davon zunächst keinen 
Gebrauch. Die Fehler des Börsengesetzes waren zu deutlich^ 
um nicht allgemein eingesehen zu werden, und es lag der Re- 
gierung daran, mit den E^ufleuten einen billigen Frieden zu 
schließen. Erst im Januar 1900 benutzte die Regierung dieses 
ihr zu Gtebote stehende Machtmittel, um die langen, unfruchtbaren 
Verhandlungen um die Wiederherstellung der Produktenbörse, 
die 3 Jahre hindurch zwischen Landwirtschaft, Regierung und 
Kaufleuten erfolglos verlaufen waren, endlich zum Ende zu führen. 
In der Verhandlung vom 15. I. 1900 machten die Kaufleute das 
Zugeständni3, Landwirte in den Börsenvorstand aufzunehm3n. 
Allerdings sollten diese nicht von der Landwirtschaftskammer 
delegiert, sondern von den Börsenbesuchem aus einer Vorschlags- 
liste des Landesökonomie-Kollegiums gewählt werden. Dagegen 
erhielt die Börse die allerdings recht ungenügende Sicherheit, 
daß die Führer der Landwirtschaft und die Regierung nach 
einigen Verbesserungen betreffs der Qualitätsbestimmung der 
Terminware erklärten, das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäfte 
infolge der vorgesehenen angemessenen Nachfrist nicht als 
Börsentermingeschäft zu betrachten. 

Die Wortführer der agrarischen Partei formulierten indes 
folgende Resolution, der sich die Getreidehandelsvertreter mit 
unwesentlichen Änderungen anschlössen: „Nach Kenntnisnahme 
des vorgelegten Schlußscheines wird anerkannt, daß auf Grund 
desselben ein legales handelsrechtliches Lieferungsgeschäft an 
der Berliner Börse, ebenso aber auch die Entwicklung eines 
börsenmäßigen Terminhandels möglich sei. Sache der Börsen- 
aufsicht wird es sein, darüber zu wachen, daß sich an Hand 
dieses Schlußscheines nicht ein börsenmäßiger Terminhandel in 
Getreide und Mühlenfabrikaten entwickele.'' Ebenso ließ die 
Regierung erklären, „daß sie Lieferungsgeschäfte in Getreide 
und Mühlenfabrikaten nach Lage der Gresetzgebi^ng nicht für 
ausgeschlossen erachte, aber irgendeine Garantie für die gesetz- 
liche Zulässigkeit solcher Geschäfte auf Grund gewisser Schluß- 
scheinformulare nicht gegeben werden könne, da es wesentlich 
von der Gestaltung und Ausbildung des auf Grund solcher For- 



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Die Auflösung der Berliner Produktenbörse. ß3 

mulare sich tatsächlich entwickebiden Handels abhänge, ob er 
mit den Bestimmungen des Gesetzes vereinbar sei oder nioht*^)." 

Dadurch war zunächst das Handelsrechtliche Lieferungs- 
geschäft an der Berliner Börse börsenpolizeilich sichergestellt 
und damit den Getreidehändlem die Wiederherstellung der 
Produktenbörse annehmbar geworden. Mit vorsichtiger Rück- 
sichtnahme auf das Gesetz blieb der soeben vereinbarte „Berliner 
Schlußschein" ein Privatkontrakt des Vereins Berliner Getreide- 
und Produktenhändler, der allerdings mit dem Vorstand der 
Produktenbörse durch Personalunion eng verbunden war. Ebenso 
ließ man die offiziellen Kiindigungseinrichtungen fort» da man 
auf landwirtschaftlicher Seite die Forderung gestellt hatte, durch 
eine Erschwerung der Differenzregulierung die effektive Erfüllung 
der Kontrakte zu befördern**). 

Die dringendste Gefahr drohte dem Handelsrechtlichen 
Ideferuiigsgeschäft indessen von selten der Zivilgerichte. Da 
das Gesetz ein Verbot nicht nur für den Terminhandel in Gretreide 
erlassen hatte, sondern ebenso in Anteilen von Bergwerks- und 
Fabrikuntemehmungen, so war die Situation für die Effekten- 
börse und die Produktenbörse die gleiche. Auch an der Effekten- 
börse war das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft an Stelle 
des offiziellen Börsentermingeschäfts getreten, indem die Ber- 
liner Stempelvereinigung ein neues Kontraktformular herausgab, 
das von den bisherigen offiziellen Börsenusancen in manchen 
allerdings nicht sehr wesentlichen Punkten abwich, während die 
Darmstädter Bank mit einigen anderen Firmen einen zweiten 
Kontrakt benutzte, der über den Kontrakt der Stempelvereini- 
gung insofern noch hinausging, als er bei Nichterfüllung eine 
Nachfrist von 2 Tagen festsetzte. Diese Handelsrechtlichen 
Lieferungsgeschäfte waren von den Börsenvorständen offiziell 
zum Börsenverkehr zugelassen worden*'). Anders aber verhielt 
sich das Reichsgericht. In seiner Entscheidung vom 12. X. 1898 
erklärte das Reichsgericht die Merkmale des § 48 BG. nur für 
Börsentermingeschäfte in engerem Sinne als maßgeblich und 
stellte einen umfassenderen Begriff des Börsentermingeschäftes 
auf, unter den auch alle diejenigen Greschäftsf ormen fallen sollten, 
die zur Umgehung des Gesetzes und zur Vereitelung des gesetz- 



") Wermert: a. a. O. S. 73ff. 

**) Doch bestand die private Kündigungsvermittlung zunächst fort; 
vgl. ihre frühere Darstelluiig, S. 12 ff. 
*') Siehe Anmerkung 44. 



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54 ^i^ Borsengesctzgebung. 

geberisohen Willens dienten. Diese Entscheidung des Reiche- 
gerichts erfuhr in der juristischen Literatur großen Widerspruch, 
weil man darin eine unzulässige Erweiterung des Gesetzes sah, 
und besonders wies man darauf hin, daß das Reichsgericht den 
Willen des Gesetzgebers durchaus falsch zu beurteilen scheine*®). 

Das Reichsgerichtsurteil vom 28. XI. 1899 hielt trotzdem 
an der Entscheidung des Vorjahres fest, indem es den Geschäften 
des § 48 alle diejenigen Greschäfte gleichstellte» die „nach ihrem 
materiellen Inhalt und ihrer wirtschaftlichen Natur und Zweck- 
bestimmung unter die Geschäfte fallen, welche der Gesetzgeber 
nur den in das Börsenregister eingetragenen Personen mit Rechts- 
sicherheit hatte gestatten wollen . . . weil bei anderer Auslegung 
der Zweck des Gesetzes verfehlt sein würde". 

Über den Zweck des (Jesetzes war nun freilich die Regierung 
anderer Meinung als das Reichsgericht. In der am 18. und 19. 
September 1901 unter dem Vorsitz des Ministers für Handel 
und Gewerbe abgehaltenen Besprechung über die Reform des 
Börsengesetzes gab Geh. Oberregierungsrat Wendelstadt die 
Erklärung ab, daß die Regierung die durch die Reichsgerichts- 
entscheidungen geschaflFene Rechtslage für unerwünscht halte. 
„Das Börsengesetz unterscheide zwischen Börsenterminhandel 
und Börsentermingeschäft, der Börsenterminhandel habe zwar 
eine Mehrheit von Börsentermingeschäften zur Voraussetzung, 
werde aber durch diese allein noch nicht gebildet. Man ver- 
stehe vielmehr darunter eine eigentümliche Ausgestaltung der 
Marktverhältnisse, die das Eingehen rein spekulativer Engage- 
ments wie deren Abwicklung außerordentlich erleichtere, daher 
zu künstlicher Beeinflussung der Preise führe und nach Auf- 
fassung des Gesetzgebers unter Umständen erheblichen wirt- 
schaftlichen Schaden im (Jefolge haben könne. Bei dieser Sach- 
lage könne der Gesetzgeber, sofern er den Börsenterminhandel 
in gewissen Geschäftszweigen wegen überwiegender Schäden unter- 
drücken wolle, sich auf Untersagung des Börsenterminhandels 
beschränken, ohne daran zivilrechtliche Folgen für die gleich- 
wohl noch vorkommenden Börsentermingeschäfte zu knüpfen.** 
Diese Auffassung hätte allerdings dem Gesetz einen Teil 



*«) Laband: Deutsche Juristen-Zeitung v. 1904, S. 275: „Es gilt 
nicht, was der Gesetzgeber gesagt hat, sondern was er hätte sagen sollen, 
was er gesagt haben würde, wenn er nämlich der Ansicht des Reichs- 
gerichts gewesen wäre.*' (Zitiert bei Biesser: „Stand und Aussichten . . .*' 
S. 19.) 



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Die Auflösung der Berliner Produktenbörse. 65 

seiner Schärfe genommen. Sie hätte die Folge gehabt, diejenige 
Handelsform, die „rein spekulativen'' Engagements dienstbar 
geworden war, zu untersagen, hätte aber den notwendigen Börsen- 
termingeschäften den Ausweg des Handelsrechtlichen Lieferungs- 
geschäfts so lange gestaltet, bis sich eventuell auch diese Handels- 
form durch Überhandnehmen der „rein spekulativen'' Engage- 
ments als ein entstehender Börsenterminhandel charakterisiert 
hätte und nunmehr nach § 53 BG. durch den Börsenvorstand 
von der Börse auszuschließen wäre. 

Die Regierdng beruft sich aber darauf, daß ihre Stellung 
von dem Kommissar des Bundesrates, Beichsbankpräsidenten 
Koch, in der Reichstagssitzung vom 6. VI. 1896 dargelegt worden 
sei : § 51 regele die Folgen des Verbots erschöpfend. Ein allgemeiner 
Grundsatz des internationalen Privatrechts, daß, wenn ein 
Geschäft verboten sei, dies auch zivilrechtliche Unwirksamkeit 
bedeute, bestehe in dieser Allgemeinheit nicht, das gelte viel- 
mehr nur für Geschäfte, welche contra bonos mores geschlossen 
seien. „Das können Sie aber doch nicht von den verbotenen 
Börsentermingeschäften schlechthin behaupten. Für die hier 
vorliegenden Verbote walten ganz andere Gründe. Diese be- 
ruhen darauf, daß aus wirtschaftlichen Gründen die deutschen 
Börseneinrichtungen sich den verbotenen Termingeschäften zu 
versagen haben. Damit ist alles Nötige erreicht." Wenn die 
Regierung meint, daß der Reichstag dieser Ansicht auch bei- 
getreten sei**), so ist das richtig für die Frage der Auslands- 
geschäfte, um die es sich hier handelte; für Inlandsgeschäfte 
dagegen war der Reichstag zweifellos anderer Meinung gewesen 
und hätte, wenn die Diskussion darauf eingegangen wäre, sicher 
die Unwirksamkeit der Börsentermingeschäfte gefordert. 

In weiterer Konsequenz erklärte das Reichsgericht es für 
unerheblich, daß die Geschäftsbedingungen vom Börsenvor- 
stande festgesetzt sein müßten. Auch die amtliche Preisnotierung 
sollte nicht als wesentliches Merkmal des Börsentermingeschäfts 
gelten, und schließlich ließ das Reichsgericht auch die Nachfrist 
von 2 Tagen, die die Kontrakte der Darmstädter Bank bei Er- 
f üllungsverzug vorgesehen hatten, nicht gegen die fest bestimmte 
Lieferungszeit oder -frist des § 48 gelten, weil sie nur eine fixe 
Prolongation des Termins um 2 Tage bedeute (RE. vom 28. X. 
1899). 



^*) R^istratur über die Verhandlungen vom 18. n. 19. IX. 1001, a. a. 0. 

P i n n e r , Getreideterminhaiidel. ^ r^ i 

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66 Die Borsengesetzgebung. 

Die Durchbrechung der Schranken des § 48 mußte die Qe- 
treidehändler auch in der Grundlage ihres Vertrauens zu dena 
an der Getreidebörse üblichen Handelsrechtlichen Lieferungs- 
geschäft erschüttern. Nur darin lag eine Möglichkeit, daß die 
Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfte in Getreide nicht als 
Börsentermingeschäfte behandelt würden, daß es sich bei den 
Gretreidekontrakten im Gegensatz zu der fixen Nachfrist der 
Kontrakte der Darmstädter Bank um eine „angemessene*' Nach- 
frist handelte, und daß somit der Fixcharakter des Geschäfts 
in der Tat aufgegeben war. In einer Entscheidung vom 23. X. 1908 
hat das Reichsgericht tatsächlich dahin entschieden, daß das 
Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft des Berliner Schlußscheins 
infolge der vorgesehenen angemessenen Nachfrist nicht die 
Voraussetzungen des Börsentermingeschäfts nach § 48 BG. 
von 1896 erfüllte*®). Diese Entscheidung erfolgte jedoch erst, 
als die Novelle zum Börsengesetz bereits Gesetz geworden war, 
und das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft in Getreide bereits 
auf eine gesicherte Grundlage gestellt worden war. So lange 
hatte die Getreidebörse es vermieden, Streitigkeiten aus Handels- 
rechtlichen Lieferungsgeschäften vor das B^ichsgericht zu brin- 
gen, und es voi^ezogen, unredlichen Schuldnern gegenüber den 
Verlust zu tragen. Drohte doch die (Jefahr, daß, wenn das Reichs- 
gericht das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft zum Börsen- 
termingeschäft stempelte, die Regierung trotz ihrer Erklärung 
vom lö. I. 1900 gezwungen würde, diese Geschäfte zu verbieten. 
Deshalb standen die Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfte in 
(Jetreide in der Tat nur unter dem Schutze der Börsenehren- 
gerichte, die allerdings stets scharf durchgriflEen, falls Börsen- 
besucher den Einwand der Nichtigkeit, weil ein Börsentermin- 
geschäft vorliege, erhoben*^). 

d) Die Wirkung des Terminhandelsverbotes in Getreide. 

Beim Erlaß des Börsengesetzes von 1896 wurden Termin- 
geschäfte in Gretreide an den deutschen Produktenbörsen zu 
Danzig, Stettin und Mannheim, in starkem Umfang nur in Berlin 
geschlossen. An allen diesen Börsen außer in Berlin hatte das 
Termingeschäft nicht mehr genügenden Umfang und Wert für 
die Kaufmannschaft, um das Gesetz zu überstehen. Man gab 



w) Siehe Bankarchiv v. 1. XII. 1908 u. 1. IX. 1909. 
") Wiedenfeld: „Die Börse. . .** a. a. O., S. lOOff. 



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Die Wirkung des Terminhandelsverbotes in Getreide. ß'J 

die Gesohäftsform auf und suchte sich ihre Vorteile durch Be- 
teiligung an dem Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäft in Berlin 
oder an den Terminbörsen des Auslands zu erhalten. In Berlin, 
wo sich bereits vor dem Gesetz der deutsche Getreideterminhandel 
zentralisiert hatte, setzten die Getreidehändler alles daran, die 
Möglichkeiten auszunutzen, die die Lücken des Gbsetzes ihnen 
boten. Sie ersetzten die bisherigen Geschäftsformen durch ent- 
sprechende ähnliche, welche nicht unter das Verbot des Gesetzes 
fielen, und schufen damit das Handelsrechtliche Lieferungs- 
geschäft, so daß statt der Vernichtung des Getreideterminhandels 
nur seine Schwächung die Folge war. 

Man hatte vielfach vorausgesagt, daß das Verbot des Termin- 
handels in Getreide den deutschen Getreideterminhandel den 
ausländischen Terminbörsen zuführen werde; besonders glaubte 
man, würden Amsterdam und Rotterdam den Vorteil davon 
haben. In dieser Annahme gründete sich im Herbst 1896 in 
Rotterdam ein Verein, der den Terminhandel in Getreide ein- 
führte. Aber auch London, Liverpool, Paris, Chicago und New 
York, Wien und Budapest suchten die deutschen Getreidehändler 
an sich zu ziehen, und selbst in Bußland waren Bestrebungen im 
Gange, den Terminhandel in Getreide neu einzuführen, um von 
dem deutschen Verbot zu profitieren*^). 

Gewiß hat eine Abwanderung deutscher Terminaufträge 
nach dem Auslande stattgefunden, doch blieb der Umfang der 
Auslandsaufträge jedenfalls weit hinter den Erwartungen der 
Auslandsplätze zurück. Nur die Beteiligung des deutschen 
Getreidehandels am Terminhandel der amerikanischen Börsen 
scheint bedeutend gewesen zu sein. Die Petition der Ältesten der 
Kaufmannschaft von Berlin an den Reichstag vom 31. März 1904 
(abgedruckt im Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie 1904) 



") Bunzel, a. a. 0., S. 386 ff., zitiert eine Zeitungsnotiz aus der 
Zeit der Beichstagsverhandlungen von 1896: „Die Berliner Börse wurde 
in den letzten Tagen neuerdings von Abgesandten der Pariser, Amster- 
damer und anderer Börsen besucht. Der Zweck ihrer Studien ist die Ein- 
führung des Getreideterminhandels an jenen Plätzen." — von Schultze- 
Gävernitz (Volkswirtsch. Studien aus Rußland, S. 349) zitiert die russische 
amtliche »»ökonomische Bundschau" vom JuU 1897: „Mit dem Verbot 
des Terminhandels an der Berliner Getreidebörse verlor der Berliner Id^rkt 
seine leitende Stellung nicht allein für Deutschland. Der g^enwärtige 
Moment erscheint daher günstig, in unser Land den Schwerpunkt des 
Getreidehandels zu übertragen, indem er sich der mächtigen Waffe des 
Terminhandels bedient." 





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63 ^'^^ Borsengesetzgebang. 

weist darauf hin» daß gerade durch die deutschen Orders der 
Terminhandel in Chicago und New York außerordentlich ge- 
wachsen sei. Die Zahl der amerikanischen Häuser, welche Ver- 
treter in Deutschland hätten, wäre enorm gestiegen, und außer- 
dem beständen viele direkte Verbindungen. Richtig ist sicher, 
daß in diesen Jahren besonders der Einfluß der amerikanischen 
Börsennotierungen in Deutschland sehr erstarkt ist, so daß die 
amerikanischen Telegramme, deren Verbreitung von den ameri- 
kanischen Börsen sorgfältig gepflegt wurde, dem deutschen 
Provinzhandel vielfach die fehlenden Berliner Notierungen er- 
setzten. 

Aber der Abschluß von Termingeschäften an ausländischen 
Börsen und speziell in Amerika konnte dem deutschen Getreide- 
händler durchaus nicht die heimischen Terminbörsen ersetzen« 
Wir haben an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß die Preis- 
entwicklung in den verschiedenen Ländern häufig nicht über- 
einstinmit, ja, daß die Preise zweier Börsenplätze gegeneinander 
laufen können. Dadurch ist es aber für den Handel sehr ge- 
fährlich, sich gegen Effektivgeschäfte in Deutschland an aus- 
ländischen Terminbörsen zu versichern, da die Sicherung eben 
nur auf der gleichmäßigen Preisentwicklung am Effektivmarkt 
und am Terminmarkt beruht. Buesch führt an Hand der Preis- 
notierungen von New York und Berlin den Beweis, daß z.B. 
im Jahre 1904 die deutschen Getreidehändler am Terminmarkt 
in Amerika tatsächlich beträchtliche Summen verloren haben 
müßten^*). 

Den wesentlichsten Ersatz für das verbotene Termingeschäft 
mußte daher das in Berlin durchgeführte Handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft darstellen. Ereilich war es gegenüber dem 
Umfang des Terminhandels vor 1896 in den ersten Jahren außer- 
ordentlich geschwächt. Die deutschen Provinzhändler mußten 
sich erst an die neue Geschäftsform gewöhnen und durch un- 
günstige Erfahrungen im Auslande den Wert des Terminhandels 
an einer Börse im eigenen Lande verspüren. Vor allem aber 
bestand die rechtliche Unsicherheit, die die Kaufleute dazu 
zwang, die Benutzung des Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfts 
auf das Notwendigste zu beschränken. Das Börsenspiel der 
Outsider war schon vor Erlaß des Börsengesetzes infolge der 
spielfeindlichen Reichsgerichtsrechtsprechung und der gesamten 



") Ruesch: a. a. 0. S. 54. 

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Die Wirkung des Terminhandelsverbotes in Getreide. 59 

gegen die Börse einsetzenden Agitation seit 1892 auf ein sehr 
geringes Maß zurückgegangen. Das echte Spielertum hatte 
sich an die Effektenbörse und ins Ausland gewandt, soweit die 
Verumständlichung des Spiels nicht überhaupt hemmend auf 
die Spielleidenschaft gewirkt hatte. Das Gesetz brachte in dieser 
Beziehung daher kaum mehr Neues; es verstärkte nur die Spiel- 
hindemisse. Sicherlich aber war der deutsche Qetreidehandel 
genügend am Termingeschäft interessiert, um auch ohne die 
Beteiligung der Outsider einen kräftigen Terminmarkt zu unter- 
halten, und es ist nur der Qeschäftsunlust und Zurückhaltung 
der Getreidekaufleute zuzuschreiben, die durch die Börsengesetz- 
gebung hervorgerufen war, wenn trotz des Auswegs, den die 
Börse in dem Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäft gefunden zu 
haben hoffte, die Benutzung dieser Geschäftsform in den ersten 
Jahren eine äußerst geringe blieb. 

Die ausländischen Börsen haben vor allem insofern das Erbe 
Berlins angetreten, als die starke Beteiligung des ausländischen 
Getreidehandels am BerlinerTerminmarkt aufhörte und durch den 
Übergang an die Auslandsbörsen nicht nur den Geschäftsumfang 
des Berliner Terminmarktes' verringerte, sondern andererseits 
auch die Auslandsbörsen gegenüber Berlin stärkte, so direkt 
und indirekt Berlin schädigend. Berlins Produktenbörse, die 
preisleitend für ganz Mittel- und Osteuropa gewesen war, verlor 
ihre Führerstellung nicht nur in Bußland und Osterreich, sondern 
wir haben gesehen, daß selbst in Deutschland Berlin vielfach 
hinter den amerikanischen Börsen zurücktreten mußte. (Jerade 
die Beteiligung des Auslands am Terminverkehr, durch die 
Stärke des Geschäftsumfanges herbeigezogen und ihn in Wechsel- 
wirkung weiter verstärkend, ist das Zeichen und das Werkzeug 
der Weltmarktsbedeutung einer Börse. Man muß den Wert 
einer solchen Weltbörse für eine Volkswirtschaft hoch einschätzen, 
nicht nur wegen des Kapitalzuflusses, den die ausländische Be- 
teiligung bringt, und wegen des Verdienstes an Provisionen, 
sondern vor allem durch die Verbesserung der Marktorientierung 
und durch' die Beklamewirkung des Börsenrufes. Hierin liegt 
zweifellos eine der schwersten dauernden Einbußen, die die 
deutsche Volkswirtschaft durch das Börsengesetz von 1896 er- 
litten hat. 

So ergibt sich ohne weiteres, daß das Handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft zunächst nur schwer imstande sein mußte, 
die Aufgaben einer Terminbörse zu erfüllen, und in der Tat lesen 



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70 I^iö Börsengesetzgebung. 

wir in den Berichten der Itandelskammem dauernd Klagen 
über die Kleinheit des Berliner Marktes. Während vor dem 
Börsengesetz der Berliner Terminmarkt unbeschränkt aufnahme- 
fähig für jedes Quantum war und damit dem Kaufmann eine 
vollkommene Grundlage für seine Kalkulationen bot, hören wir 
jetzt, daß Partien von wenigen tausend Tonnen nicht an der 
Börse untergebracht werden konnten, ohne bereits Preisverände- 
rungen in einer Höhe hervorzurufen, durch die die Kalkulationen 
des Kaufmanns empfindlich gestört werden mußten. Erst sehr 
allmählich ist der Terminhandel in Berlin wieder zu einiger 
Stärke erwachsen. 

Es ist eine strittige Frage, ob das Terminhandelsverbot 
oder vielmehr die Schwächung des Terminmarktes auf die Ge- 
staltung der (Jetreidepreise von Einfluß gewesen ist. Es ist be- 
hauptet worden, daß der Wert des Inlandsgetreides im Verhält- 
nis zum Äuslandsgetreide gestiegen und dciß er gefallen sei, 
daß die Preisschwankungen geringer und daß sie größer ge- 
worden seien. Man hatte von den verschiedenen Seiten vor dem 
Erlaß des Börsengesetzes diese verschiedentlichen Folgen pro- 
phezeit, und von beiden Seiten wurde jede Preisbewegung als eine 
Wirkung des Gesetzes hinzustellen versucht. Wir lehnen es 
ab, irgendwelche Folgerungen für so kurzfristige Erscheinungen 
der Preisbewegung aus den vorliegenden Preisnotierungen zu 
ziehen. Die Entstehung des Gretreidepreises hängt von so vielerlei 
Umständen ab, daß es unerlaubt erscheint, irgendwelche Preis- 
erscheinungen einseitig auf die Verhältnisse des Terminmarktes 
zurückzuführen. Außerdem weist Wiedenfeld mit Recht 
darauf hin^*), daß die Störung des deutschen Gretreideverkehrs, 
die wohl festzustellen sei, zu gutem Teil auf die Schließung der 
Berliner Produktenbörse zurückzuführen sei; femer seien die 
Preise der Jahre 1897/99 infolge der Einstellung der amtlichen 
Preisnotierung mit den Preisen der vorhergehenden Jahre nicht 
recht vergleichbar. 

Soviel ist jedoch wahrscheinlich, daß immerhin der Zusammen- 
hang des deutschen Getreidemarktes mit dem Weltmarkt durch 
die Schwächung des Terminhandels geringer geworden ist, und 
wir wissen aus der Greschichte des Identitätsnachweises, daß 
jede Äbschließung des deutschen Gretreideverkehrs vom Welt- 
markte im Osten des Reiches auf die Preise dahin einwirkt, daß 



*«) Schmollers Jahrbach 1900, S. 645. 

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Die Reform des Börsengesetzes; die Novelle vom 8. Mai 1908. 71 

sie unter Weltmarktsparität stehen. In gleicher Weise mußte 
das Verbot des Terminhandels die Preise beeinflussen; denn das 
Termingeschäft in erster Linie ermöglicht es für den Kaufmann, 
alle Arbitragemöglichkeiten voll auszunutzen, d. h. also, eine 
Preisausgleichung zwischen dem inländischen Markt und dem 
Weltmarkt durchzuführen. Das Verbot des Börsenterminhandels 
sollte 1896 den Zweck haben, die bedeutende Preissenkung auf 
dem Weltmarkt für Deutschland zu verringern, für das Import- 
land den Zusammenhang mit dem billigen Weltmarkt zu er- 
schweren. Die leidenschaftliche Bekämpfung des Terminhandels 
erklärte sich aus der scharfen Preissenkung der Jahre 1891/95, 
die den Weltemten entsprach, aber teilweise in Widerspruch 
mit den deutschen Ernten stand. Bald nach Erlaß des Verbotes 
dagegen hörte einerseits der Preisfall auf, und es trat im Gregen- 
teil am Weltmarkt eine erhebliche Preiserhöhung ein^^). Und 
andererseits machten sich die Folgen der Aufhebung des Iden- 
titätsnachweises vom Jahre 1894 durch eine erhebliche Export- 
steigerung bemerkbar. Man wird nicht fehlgehen, wenn man 
annimmt, daß es die steigende Exportmöglichkeit war, welche 
den deutschen Landwirten und besonders ihren ostelbischen 
Führern nunmehr den Zusammenhang mit dem Weltmarkt 
minder schädigend, ja sogar nützlich erscheinen ließ, und daß 
dergestalt die Grundstimmung der maßgebenden Kreise gegen- 
über dem Terminhandel sich änderte. Das Verbot des Getreide- 
terminhandels erscheint also als eine schutzzöllnerische Maßregel, 
die aufgegeben wurde, sobald sie schädlich für den zu Schützen- 
den wirkte. Wir haben gesehen, wie es daher zu dem Präliminar- 
frieden von 1900 kam. Doch dauerte es noch lange Jahre bis zur 
Reform des Gresetzes. 

e) Die Reform des Börsengesetzes; die Novelle vom 8. Mai 1908. 

Unterdessen brach sich in den Kreisen der ehemaligen 
Gegner des Getreideterminhandels die Überzeugung immer mehr 
Bahn, daß der Terminhandel auch für die Landwirtschaft selbst 

**) Durchschnittsnotierungen für Terminqualität in Berlin in Mark 
per 1000 kg: Roggen Weizen 

95 119,8 142,5 

96 118,8 166,2 

97 130,1 173,7 

98 146,3 185,5 

Jöhlinger: „Praxis des Getreidegeschäfts'S S. 365. 



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72 I^io Börsengesetzgebung. 

von hohem Nutzen sei. Die Hoffnung, mit Hilfe der Komhäuser 
die Landwirte vom Getreidehändler unabhängig zu machen, 
war gescheitert, und die aufblähenden Genossenschaften sahen 
sich bald gezwungen, um Verluste zu vermeiden, ihre Bestände 
in kaufmännischer Weise zu verwerten. Es ist daher von Inter- 
esse, daß die Begründung zum Entwurf der Börsennovelle von 
1007 ausführt: „Ein börsenmäßiger Zeithandel in Getreide und 
Mehl ist, und zwar gerade für den Handel mit inländischem 
Getreide, unentbehrlich. Dies wird überzeugend dargetan durch 
die Tatsache, daß bedeutende landwirtschaftliche Grenossen- 
schaften in beträchtlichem Umfange an dem Zeitgeschäft an der 
Berliner Börse teilnehmen. In der Tat ist es auch klar, daß die 
Genossenschaften ihre Aufgabe, das Getreide in ihren Wirkungs- 
gebieten an sich zu ziehen und es demnächst je nach Bedarf 
dem Konsum zuzuführen, ohne Übernahme eines unüberseh- 
baren spekulativen Risikos nicht erfüllen können, wenn sie nicht 
die nur an einer Börse zu findende Möglichkeit haben, sich die 
gegenwärtigen Preise zu sichern." 

Für den 11. und 12. Juni 1901 berief die Regierung den Börsen- 
ausschuß. Er sprach den Wunsch aus, den am 15. I. 1900 verein- 
barten „Berliner Schlußschein" zu legalisieren. Am 18. und 19. 
IX. 1901 fand unter dem Vorsitz des preußischen Ministers für 
Handel und Gewerbe eine Besprechung statt, zu der die Führer 
aller Parteien eingeladen waren; hier sollten die Vorschläge 
durohberaten werden, die von der preußischen Regierung dem 
Bundesrat als Reformantrag vorgelegt werden sollten. Der 
Verein Berliner Getreide- und Produktenhändler hatte dazu 
folgenden Antrag gestellt: 

„Nicht als börsenmäßige Termingeschäfte gelten Zeit- oder 
Lieferungsgeschäfte, welche zwischen Erzeugern oder Verarbei- 
tem oder in das Handelsregister eingetragenen gewerbsmäßigen 
Eäindlem solcher Waren geschlossen werden, sofern bei dem 
Geschäft eine Nachlieferungsfrist nicht ausgeschlossen ist." 
Aus diesem Antrage ist deutlich zu ersehen, welcher Wechsel in 
der Anschauung der Kaufmannschaft sich vollzogen hatte. In 
der Vereinbarung vom 15. I. 1900 war von einer Beschränkung 
des Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäftes auf den Kreis der 
Getreideinteressenten noch nicht die Rede, und gesetzt den Fall, 
daß auch die Grerichte auf das Handelsrechtliche Lieferungs- 
geschäft die Bestimmungen über das Börsentermingeschäft nicht 
anwenden würden, unterlag diese Geschäftsform nur dem Differenz- 



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Die Reform des Börsengesetzes; die Noyelle yom 8. Mai 1908. 73 

einwand aus § 764 BGB. Mit obigem Antrag beschränkten die 
Kaufleute selbst den Kreis der Personen, mit denen sie Handels- 
rechtliche Lieferungsgeschäfte schließen wollten, und schufen 
damit die gesetzliche Form, die sich für eine gesunde Entwick- 
lung des Terminhandels in Getreide bisher als brauchbar er- 
wiesen hat. 

Allgemein waren die Ansichten nunmehr soweit geklärt, 
daß man als Zweck des Börsengesetzes den Ausschluß des Börsen- 
spiels wünschte; allgemein sah man diese Möglichkeit in der 
Beschränkung der Börsentermingeschäfte auf den Kreis der 
Fachleute^*). Man war daher bereit, das plumpe Allgemein- 
verbot des Börsenterminhandels aufzuheben. Wenn man trotz- 
dem „prinzipiell alles beim Alten ließ, nur die Zähne einzeln 
ausbrach"^'), so wird man die menschliche Schwäche, die dahinter 
steckt, verstehen: Leider hat sie für die Klarheit der bestehenden 
Geeetzesbestimmungen peinliche Folgen, und die Novelle von 
1908, deren gesetzgeberischer Wille im wesentlichen allgemein 
gebilligt wird, leidet nur allzusehr darunter, daß sie Flickwerk 
ist und nicht ein frei entworfenes Gebilde. So blieb das Börsen- 
termingeschäft in Getreide verboten; aber während unter dem 
Ausdruck „Börsentermii^eschäft" in den übrigen Bestimmungen 
des Gesetzes die Geschäftsform verstanden wird, welche unter 
Umständen auch zum Börsenspiel mißbraucht werden kann, 
bedeutet „Börsentermingeschäft" *im Rahmen der Sonder- 
bestimmungen für Gretreide nicht mehr als das Börsenspiel selber. 
Deshalb mußte man zu der gekünstelten Konstruktion kommen, 
daß man einen Oberbegriff des Börsenterminhandels annahm, 
aus dem man den spielfreien Börsenterminhandel herausnahm. 
Für ersteren behielt man die Bezeichnung Börsenterminhandel 
bei und verbot diesen, sachlich nunmehr berechtigt, da er nur 
noch die Umrahmung des notwendigen Terminhandels, das 
Börsenspiel, einschließt; dagegen das notwendige, zugelassene 
Börsentermingeschäft nennt die Juristensprache „Handelsrecht- 
liches Lieferungsgeschäft'' oder vielfach auch „börsenmäßiges 
Zeitgeschäft". Das Gresetz selbst gibt ihm keinen Namen, die 
Börse faßt es beim Wesen und sagt, stets in Gänsefüßchen, 
„Termingeschäft". 



••) Die Vertragsabrede der angemessenen Nachfrist ist unwesent- 
licher; wir werden darauf noch zurückkommen. 
»') Seeler: a. a. O. S, 26, 



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74 ^^^ BÖrsengesetzgebong. 

Der Antrag des Vereins Berliner Gfetreide- und Produkten- 
händler trägt dieser Wortspielkunst Rechnung. Die Landwirt- 
schaftsvertreter billigten ihn mit einer geringfügigen Veränderung ; 
sie erklärten, daß auch unter den vorgeschlagenen Bedingungen 
die Herausbildung eines Börsenterminhandels (sc. Börsenspiels) 
nicht ausgeschlossen sei, und wollten daher der Regierung das 
Recht eingeräumt wissen, gegebenenfalls durch Änderung der 
Geschäftsbedingungen wieder die erwünschte Beschränkung 
herbeizuführen. Um des Friedens willen akzeptierten die Ver- 
treter der Börse diesen Vorschlag und kleideten den Antrag 
daher in folgende Form, in der er dann einstimmig angenommen 
wurde: „Nicht als börsenmäßige Termingeschäfte gelten Zeit- 
oder Lieferungsgeschäfte, welche zwischen Erzeugern oder Ver- 
arbeiten! oder in das Handelsregister eingetragenen gewerbs- 
mäßigen Händlern solcher Waren auf Grund von Bedingungen 
abgeschlossen sind, die von den Staatsaufsichtsbehörden mit 
Zustimmung des Bundesrats für Lieferungsgeschäfte (§ 326 BGB.) 
festgesetzt und genehmigt sind.'' 

Nur redaktionell geändert, wurde der Antrag in den Gesetz- 
entwurf betrefEend die Änderung des Abschnittes IV BG. auf- 
genommen, der dem Reichstag am 19. II. 1904 vorgelegt wurde. 
Der Entwurf wurde infolge des Reichstagsschlusses nicht mehr 
Grcsetz. Ebenso erging es einem zweiten Entwurf im Jahre 1906. 
Beide Entwürfe hatten noch an der Definition des Börsentermin- 
handels nach § 48 BG. festgehalten. Der dritte Entwurf, der 
am 22. XI. 1907 dem neuen Reichstage vorgelegt wurde, sah 
von dieser Definition vollkommen ab. Er sanktionierte damit 
die Praxis des Reichsgerichts, in der es über die Definition des 
§ 48 hinausgegangen war, und überließ es auch fernerhin den 
Grcrichten, die Merkmale des Börsentermingeschäfts festzustellen. 
Für den Börsenterminhandel in Grctreide enthielt der Entwurf 
mit geringen Änderungen wieder die gleichen Bestimmungen 
wie die früheren Entwürfe. Am 8. V. 1908 wurde die Novelle 
zum Börsengesetz als Frucht der Bülowschen Blockpolitik vom 
Reichstag angenommen und trat aia 1. VI. 1908 in Kraft. 
Seitdem gelten für die Getreidebörse die folgenden Bestimmungen: 

§ 65 untersagt Börsentermingeschäfte in Getreide und Er- 
zeugnissen der Getreidemüllerei. 

Eine Definition des Börsentermingeschäfts liegt nicht vor. 
Nach der Begründung zur Novelle von 1908, die darin der Recht- 
sprechung des Reichsgerichts seit 1896 folgt, ist darunter das 



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Die Reform des Borsengesetzes; die Novelle vom 8. Mai 1908. 75 

Zieitgesohäft zu typischen Bedingungen zu verstehen^ typisch 
nach Quantum, Qualität, Lieferungsort und Lieferungszeit, sobald 
für solche Geschäfte ein (Termin-)Markt an einer Börse besteht 
und das einzelne Geschäft in Beziehung auf den Terminmarkt 
geschlossen wird. Das Wesentliche ist, daß das Geschäft durch 
die ihm zugrunde liegenden Bedingungen bequem die Möglichkeit 
bietet, durch ein Gegengeschäft aufgelöst zu werden. Diese 
Ausführungen sind als eine zutreffende Charakterisierung des 
Börsentermingeschäfts anzuerkennen. 

Die Folgen des Verbots bestimmt börsenpolizeilich § 51 
ähnlich wie § 51 des alten Börsengesetzes. Verbotene Börsen- 
temaingeschäfte sind von der Börse ausgeschlossen, sie dürfen 
durch Kursmakler nicht vermittelt werden, die Veröffentlichung 
von Preislisten ist verboten und unter Strafe gestellt. Die Be- 
stimmungen kommen für die Grctreidebörse kaum in Betracht, 
da hier das Verbot des Börsenterminhandels durch die Zulassung 
des Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfts im wesentlichen auf- 
gehoben ist. 

Es ist angenommen, daß das Börsentermingeschäft dem 
Börsenspiel ausgesetzt ist. Ausgenommen von dem Verbot 
des Börsenterminhandels sind daher diejenigen Zeitgeschäfte, 
bei denen die Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie keine Spiel- 
geschäfte sind. 

§ 67 lautet: „Die Vorschriften der §§ 50—66 (über Börsen- 
termingeschäfte) finden keine Anwendung auf den Kauf oder 
die sonstige Anschaffung von Getreide oder Erzeugnissen der 
Getreidemüllerei, wenn der Abschluß nach Grcschäftsbedingun- 
gen erfolgt, die der Bundesrat genehmigt hat, und als Vertrag- 
schließende nur beteiligt sind: 

L Erzeuger und Verarbeiter von Waren derselben Art 
wie die, welche den Gegenstand des Grcschäf ts bilden, oder 
2. solche Kaufleute oder eingetragene Genossenschaften, 
zu deren Grcschäftsbetrieb der Ankauf, der Verkauf 
oder die Beleihung von Grctreide oder Erzeugnissen der 
G^treidemüllerei gehört. 

In den Geschäftsbedingungen muß festgesetzt sein: 
1. daß im Falle des Verzuges der nichtsäumige Teil die 
Annahme der Leistung nicht ablehnen kann, ohne dem 
säumigen Teil eine angemessene Frist zur Bewirkung 
der Leistung zu bestimmen; 



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76 ^iß Börsengesetzgebung. 

2. daß nur eine Ware geliefert werden darf, die vor der 
Erklärung der Lieferungsbereitschaft (Andienung) von 
beeidigten Sachverständigen untersucht und lieferbar 
befunden worden ist; 

3. daß auch eine nichtyertragsmäßig beschaffene Ware 
geliefert werden darf, wenn der Minderwert nach der 
Feststellung der Sachverständigen eine bestimmte Höhe 
nicht überschreitet und dem Käufer der Minderwert 
vergütet wird, sowie daß ein von Sachverständigen 
festgestellter Mehrwert bis zu einer bestimmten Höhe 
dem Verkäufer zu vergüten ist." 

Um aber auch die Entwicklung des Börsenspiels unter Fach- 
leuten zu erschweren, die an und für sich nicht ausgeschlossen 
ist — wir haben im ersten Teile dargelegt, daß wir ein reines, 
volkswirtschaftlich bedenkliches Börsenspiel unter Fachleuten 
nur in Ausnahmefällen für gegeben erachten — , läßt der § 68 
allgemein, also auch für die durch den § 67 geschützten Geschäfte, 
den Differenzeinwand zu. § 68 lautet: 

„Wird ein auf Lieferung von Grctreide oder Erzeugnissen 
der Grctreidemüllerei lautender Vertrag in der Absicht ge- 
schlossen, daß der Unterschied zwischen dem vereinbarten 
Preis und dem Börsen- oder Marktpreis der Lieferungszeit von 
dem verlierenden Teil an den gewinnenden gezahlt werden 
soll, 80 finden die Vorschriften des § 66 auch dann Anwendung, 
wenn es sich nicht um ein verbotenes Börsentermingeschäft 
handelt. Dies gilt auch dann, wenn nur die Absicht des einen 
Teils auf die Zahlung des Unterschiedes gerichtet ist, der 
andere Teil aber diese Absicht kennt oder kennen muß. 

Die Vorschriften der §§ 762, 764 BGB. bleiben auf einen 
auf die Lieferung von Getreide oder Erzeugnissen der Getreide- 
müllerei lautenden Vertrag außer Anwendung." 

Dadurch ist festgelegt, daß im Falle eines vom Grcricht als 
durchschlagend erachteten Differenzeinwandes selbst bei oder 
nach Erfüllung Geleistetes innerhalb 2 Jahren nach Abwicklung 
des Geschäfts zurückgefordert werden kann. 

Die Fassung des §68 ist allerdings durchaus verfehlt. Es muß 
immer wieder darauf hingewiesen werden, daß Verträge in der 
Absicht, die Gewinn- oder Verlustabrechnung nach dem Preise 
der Lieferungszeit vorzunehmen, im .Grctreidehandel nicht vor- 
kommen. Vielmehr handelt es sich stets um eine Auflösung der 



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Die Reform des Borsengesetzes; die Novelle vom 8. Mai 1908. 77 

Engagements durch ein Gegengeschäft, dessen Termin völlig in 
das Belieben der Kontrahenten gestellt ist. Im Verkehr der 
Börsenmitglieder untereinander ist dies ganz offensichtlich, da 
das Gegengeschäft in der Regel mit einem anderen Kontrahenten 
geschlossen wird als das Eingangsgeschäft. Aber auch im Ver- 
kehr des Kommissionärs mit seinen Kommittenten in der Provinz 
verursacht der Selbsteintritt des Kommissionärs doch nur eine 
unerhebliche Änderung, denn die Freiheit des Kommittenten, 
sich den Augenblick des Gegengeschäfts auszuwählen, bleibt 
unberührt. 

Das Reichsgericht hat diesen Fehler in der Fassung des 
Difierenzeinwandes allerdings für unerheblich erklärt, so daß 
die E[aufmannschaft mit dem Differenzeinwand rechnen muß. 

Betreffs der Anwendung des § 68 erheben sich jedoch schwere 
Bedenken. Sieht man von dem eben besprochenen Fehler ab, 
so trifft der Wortlaut des § 68 alle Geschäfte, deren Handels- 
absicht auf die Preisdifferenz ausgeht. Wir haben früher dar- 
gelegt, daß viele notwendige Termingeschäfte die Erledigung 
des Eiogangsgeschäfts durch ein Gegengeschäft, also Differenz- 
regulierung, erfordern, wir betrachten es sogar als das charak- 
teristischste Unterscheidungsmerkmal des Terminhandels vom 
Effektivhandel, daß man Termingeschäfte in der Absicht schließt, 
sich durch ein Gegengeschäft wieder zu decken. Wenn die (Jefahr, 
die infolgedessen durch die Fassung des § 68 dem notwendigen 
und zugelassenen Terminhandel droht, bisher nicht dringend 
geworden ist, so ist das wohl hauptsächlich dem Umstand zu 
verdanken, daß bei der Beratung über die Novelle sowohl von 
der Regierung wie von den Mehrheitsparteien des Reichstags 
ausdrücklich der Zweck des § 68 dahin bestimmt worden ist, 
nur das Spielgeschäft zu treffen"). 

Außerdem aber fordert der § 68 als Tatbestand, daß beide 
Parteien die Absicht haben, das Geschäft durch Differenzzahlung 
zu erledigen, oder, wofern diese Absicht nur bei dem einen Teile 
vorliegt, daß der andere Teil diese Absicht kennt oder kennen 
muß. Und es ist bei näherem Überlegen gar nicht zweifelhaft, 
daß dieser Tatbestand nur in den seltensten Fällen erfüllt sein 
kann. 



*') Vgl. z. B. Nußbaum: Kommentar zum Börsengesetss zu § 68 III 
und desselben Aufsatz in Goldschmidts Zeitschrift für das gesamte 
Handelsrecht, Bd. 69, S. 427 ff. 



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78 I^iß Börsengesetzgebung. 

Daß die Börsenfirmen, die untereinander Termingeschäfte 
schließen, die Handelsabsicht ihrer Gegner höchstens zu mut- 
maßen vermögen, wird keinem Kundigen zweifelhaft sein. Außer- 
dem werden die Gleschäfte der Börsenkaufleute untereinander 
stets effektiv erfüllt, wenn auch von den Erleichterungen des 
Kündigungsclearings Gebrauch gemacht wird, eine Tatsache, 
die nur geleugnet werden kann, wenn man auch Zahlungen, die 
im Clearingverkehr der Banken abgerechnet werden, nicht als 
effektive Leistungen ansehen wollte. 

Und was das Verhältnis des auswärtigen Kommittenten zu 
seinem Börsenkommissionär angeht, so ist die Sachlage kaum 
anders. Allerdings, wenn es sich um (Jeschäfte mit Outsidern 
handelte, womöglich um die früher beliebten Anpreisungen des 
Börsenspiels durch Reisende, mußte der Tatbestand häufig vor- 
liegen, daß der Kommissionär die ausschließliche Spielabsicht 
des Kommittenten kannte. Unter den jetzigen Verhältnissen 
an der Getreidebörse ist es dem Kommissionär durchaus un- 
möglich, irgend etwas Bestimmtes über die Handelsabsicht seiner 
Kommittenten auszusagen. Daß auch ein rheinländischer Ge- 
treidehändler in Berlin liefern oder abnehmen kann, ist für den 
Berliner Händler selbstverständlich, da er ja selbst oft genug 
Effektivgeschäfte am Rhein macht. Und ob die Absicht der 
effektiven Erfüllung vorliegt oder nicht, kann man fast stets 
nur mutmaßen, da es kein Kommissionär wagen könnte, über 
die geschäftlichen Verhältnisse seines Kommittenten Aufschluß 
zu verlangen, da dieser ja schließlich sein Kunde und Kon- 
kurrent ist. 

Daher scheint uns der Wortlaut des § 68 seine Anwendung 
auf diejenigen Fälle zu beschränken, in denen entweder die 
entsprechende Vereinbarung zwischen den Kontrahenten be- 
weisbar ist, oder wo aus den vorliegenden Verhältnissen hervor- 
geht, daß der Kommissionär um die Spielabsicht seines Kom- 
mittenten gewußt haben muß. Wenn das Reichsgericht diesen 
Schluß bereits daraus ziehen zu können glaubt, daß auch in 
längerem Geschäftsverkehr die Terminabschlüsse ausschließlich 
durch Differenzzahlung abgewickelt worden sind, so ergibt sich 
aus unseren vorhergehenden Ausführungen über das Wesen des 
Termingeschäfts, daß wir diesem Schlüsse nicht zustimmen können. 
Dagegen wird man anerkennen müssen, daß das Reichsgericht 
die strittigen Geschäfte stets mit Recht darauf geprüft hat, ob 
ihr Umfang im Mißverhältnis zu dem Vermögen des Kontrahenten 



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Das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft. 79 

gestanden hat. Beschränken sich die Gerichte, wie es uns einzig 
zulässig erscheint, auf diese Fälle, so wird die E^aufmannschaft 
mit Buhe auch den § 68 ertragen können. 

Fernerhin bestehen, wie im Börsengesetz von 1896, Straf- 
bestimmungen für die Verleitung zum Börsenspiel (§ 94 BG. 
von 1908). 

Neu eingefügt sind verschärfende Strafbestimmungen für 
den wiederholten Abschluß verbotener Börsentermingeschäfte in 
Getreide oder Erzeugnissen der Gretreidemüllerei (§91) sowie 
für den Mißbrauch verbotener Börsentermingeschäfte zu künst- 
lieber Flreisbeeinflussung (§92). 

Femer ist ein Qrdnungsstrafverfahren durch zu diesem 
Zwecke neu gebildete Börsenkommissionen neu geschaffen worden, 
das jeden einzelnen Fall des Abschlusses eines verbotenen Börsen- 
termingeschäfts in Getreide mit Geldstrafe bedroht (§§ 71 — 87). 

f) Das Handelsreehtliehe Lietenmgsgesehäft an den deutsehen 
Produktenbörsen seit der Borseng^setznovelle von 1908. 

Auf Grund der neuen Gesetzesbestimmungen genehmigte 
der Bundesrat sofort die Grcschäftsbedingungen für das Handels- 
rechtliche Lieferungsgeschäft in Weizen, Roggen, Hafer und Mais 
an der Berliner Börse. 

Im Dezember 1909 erhielten noch Mannheim für Weizen, 
Roggen, Hafer und Mais, sowie Danzig für Weizen, Roggen und 
Hafer das Eb^ndelsrechtliche Lieferungsgeschäft zugestanden. 

Li Danzig ist der Getreidehandel seit der letzten Zollerhöhung 
von 1906 wieder aus seiner Lethargie aufgerüttelt worden. Das 
Einfuhrschein-System zeigte jetzt erst seine volle Wirkung, 
indem die Zahlen des ostdeutschen Roggenexports, der über Danzig 
erfolgt, sich zu nie dagewesener Höhe erhoben. Zusammen mit 
dem allerdings niedrigeren Weizenexport konkurriert der Grctreide- 
verkehr der Jahre seit 1908 mit den besten früheren Jahren des 
Danziger Getreidehandels. Der Terminhandel konnte daher 
für Roggen und Weizen bald wieder die Stellung einnehmen, 
die er vor dem Börsengesetz von 1896 für Danzig besessen hatte, 
ein Hilfsinstrument seines Exports zu sein. Wie früher hält sich 
der Danziger Terminhandel im wesentlichen im Rahmen des 
effektiven Lieferungshandels: Der Haferterminhandel ist ohne 
Bedeutung geblieben. 

In Mannheim ist die Entwicklung des Terminhandels sehr 
gering geblieben. Der Grund dürfte darin liegen, daß die dem 



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gO Die Borsengesetzgebung. 

Mannheimer Terminhandel zugrunde gelegten Qualitätsbedin- 
gungen auf deutsches Getreide zugeschnitten sind, während der 
Getreideverkehr es im wesentlichen mit Auslandsgetreide zu tun 
hat. Marx**) stellt die verlangten Naturalgewichte den durch- 
schnittlichen Gewichten ausländischer Ware gegenüber. Danach 
kann 

Weizen bei 766 g per Liter 

Roggen „ 712 g „ „ 

Hafer „ 460 g „ „ 

angedient werden, während ausländisches Getreide im Durch- 
schnitt wiegt* 

Weizen 780 g per Liter 

Roggen 720— 760 g „ „ 

Hafer 460— 470 g „ 

Dazu tritt der Mehrwert an Klebergehalt, den der ausländische 
Weizen vielfach für den deutschen Müller besitzt. 

Lifolgedessen hat der Mannheimer Börsenvorstand Abände- 
rungsvorschläge dahin gemacht, daß Weizenterminhandel für 
Auslands- und Lilandsweizen getrennt gestattet würde. Die 
Gewichte sollten für Auslandsweizen 780 g per 1. für Lilandswei ien 
766 g per 1. betragen. Der Antrag wurde jedoch 1912 abgelehnt. 
Für den Terminverkehr in Roggen und Hafer erschien angesichts 
der starken heimischen Produktion ein ähnlicher Antrag von vorn- 
herein als aussichtslos. 

Zweifelhaft scheint es, ob die beabsichtigte Erhöhung der 
Qualitätsgewichte einen Aufschwung des Terminhandels zur 
Folge haben würde. Der ausländische Weizen hohen (Jewichts 
ist durchaus keine gleichwertige Masse, sondern die Mühlen ver- 
langen je nach ihren individuellen Bedürfnissen an Klebergehalt 
des Weizens bestimmte Sorten. Solange nicht eine Weizensorto 
in Mannheim die Oberhand gewonnen hat, so daß dem Termin- 
handel ähnlich wie in Liverpool diese Sorte zugrunde gelegt werden 
kann, scheint für den Käufer die Gefahr zu groß, Qualitäten an- 
gedient zu erhalten, für die er keine Verwendung hat. 

Weiteren Börsen ist die Einführung des Handelsrechtlichen 
Lieferungsgeschäftes noch nicht gestattet worden. Li Hamburg 
ist es über Anregungen nicht hinausgekommen. Für einen Weizen- 
terminhandel liegen die Verhältnisse wohl ähnlich ungünstig 



••) a. a. O. S. 26ff. 

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Die rechUiche Natur des Handelsrechtlichen Lielerungsgeschälts. 31 

wie in Mannheim. Besonders richten sich die Wünsche einiger 
Kaufleute auf einen Terminhandel in Futtergerste, der in Deutsch- 
land noch nicht besteht, doch verhält sich die Majorität der Ge- 
treidehändler ablehnend, da ein Bedürfnis nicht anerkannt und 
die Verleitung der Provinzkundschaft zur Spekulation befürchtet 
wird. 

Von den rheinisch-westfälischen Börsen ist mehrfach der 
Antrag gestellt worden, das Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft 
einzuführen. Voran ging Düsseldorf im Jahre 1910. Ihm folgten 
Köln und Duisburg, die zwar prinzipiell sich gegen die Einführung 
erklärten, für den Fall, daß der Bundesrat der Einführung jedoch 
geneigt sei, die Genehmigung für sich forderten. Marx berichtet, 
daß vor der EröfiEnung der Terminbörse in Antwerpen im Ministe- 
rium Stimmung für eine rheinisch-westfälische Terminbörse ge- 
herrscht habe, da man eine Beherrschung des Handels durch Ant- 
werpen fürchtete. Die rheinischen Plätze hatten den Termin- 
handel für Auslandsweizen und Futtergerste als wesentliches 
Bedürfnis bezeichnet. Doch muß man betreffs eines Terminhandels 
in Auslandsweizen auch hier auf Mannheim verweisen. Das Be- 
dürfnis nach einem Gersteterminhandel scheint dagegen recht 
fraglich, so daß die Befürchtung für durchschlagend erachtet 
werden muß, daß die kleineren Provinzhändler zur Sx>ekulation 
verleitet werden. könnten> 

Im Jahre 1911 hat auch Stettin die Einführung des Handels- 
rechtlichen Lieferungsgeschäfts beantragt, in der Hoffnung, 
sich dadurch eine gewisse Selbständigkeit vom Berliner Getreide- 
handel wiederzuerwerben. Doch ist der Antrag unter Verneinung 
der Bedürfnisfrage zurückgewiesen worden. 

g) Die rechtliche Natur des Handelsrechtlichen Lieterongs- 
geschäfts auf Grund der Börsengesetznovelle vom 8. Mai 1908. 

Die Bestimmungen der Börsengesetznovelle haben bisher 
zu erheblichen Unzuträglichkeiten nicht geführt. Über die Trag- 
weite des Gesetzes besteht jedoch noch erhebliche Unsicherheit. 
Die rechtliche Stellung des Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfts 
wird von den Juristen je nsich ihrer Auffassung vom Begriff des 
Börsentermingeschäfts verschieden beurteilt. 

Von den meisten Kommentatoren des Börsengesetzes wird 
daran festgehalten, daß ein Börsentermingeschäft stets ein Fix- 
geschäft sein müsse. Demzufolge wäre das Handelsrechtliche 
Lieferungsgeschäft des § 67 infolge der in § 67, Abs. 2, Ziff. 1 



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32 ^i® Börsengesetzgebung. 

vorgesehenen angemessenen Nachfrist überhaupt kein Börsen- 
termingeschäft, und Abweichungen vondenBundesratsbedingungen 
verfielen solange nicht dem Verbot des Börsentermingeschäfts, 
als man die angemessene Nachfrist beibehielte^). Man beruft 
sich dabei auf die Entscheidung des Reichsgerichts vom 23. X. 
1908*^), wo das Reichsgericht dahin entschieden hat, daß das 
Handelsrechtliche Lieferungsgeschäft infolge der vorgesehenen 
angemessenen Nachfrist die Voraussetzungen eines Börsentermin- 
geschäfts nicht erfüllte. Aber man darf dabei nicht übersehen, 
daß dieser Entscheidung des Reichsgerichts noch das alte Börsen- 
gesetz von 1896 zugrunde lag, welches in § 48 ausdrücklich als 
Merkmal des Börsentermingeschäfts die fest bestimmte Lie- 
ferungszeit oder -frist erforderte. Diese Beschränkung ist^ aber 
für die Grerichte durch die Novelle von 1908 fortgefallen, und man 
darf aus dem zitierten Urteil für die Stellung des Reichsgerichts 
unter der Novelle keine Schlüsse ziehen. 

Das Reichsgericht kann umso leichter das Erfordernis des 
Fixcharakters für das Börsentermingeschäft aufgeben, als es 
in der Begründung zur Novelle von 1908 (Nr. 483 der Drucksachen 
des Reichstags 12. Legislaturperiode I. Session, 1907/08, S. 2606) 
heißt: „Die Begriffsbestimmung des Börsentermingeschäfts, 
wie sie im § 48 des geltenden Gresetzes enthalten ist, hat sich als 
unzureichend erwiesen. Ein Börsentermingeschäft benötigt 
weder Greschäftsbedingungen, die von dem Börsenvor tande für 
den Terminhandel festgesetzt sind, noch die amtliche Fest- 
stellung von Terminpreisen; ja, es scheint nicht einmal un- 
bedingt erforderlich zu sein, daß die Geschäfte auf eine 
fest bestimmte Lieferungszeit oder mit einer fest bestimmten 
Lieferungsfrist geschlossen werden." 

Die Begründung sagt weiterhin ganz positiv aus, was sie unter 
einem Börsentermingeschäf t versteht ; sie legt dabei keine juristi- 
schen Definitionen fest, sondern setzt den wirtschaftlichen Begriff 
auseinander: „Den Börsentermingeschäften sind nicht bestimmte 
Geschäftsformen eigentümlich, die es scharf von anderen Zeit- 
geschäften unterscheiden. Ebensowenig wäre es berechtigt, 
das Kennzeichen in der Art zu suchen, wie das einzelne Geschäft 
zur Abwicklung gelangt. . . . Wenn aber auch bei anderen Ge- 



w) So Nußbaum, S. 235 u. 320; Kahn, S. 307; Apt, S. lÖO; Neu- 
kamp, S. 281; Bernstein, S. 196. Anders nur Hemptenmacher, 
S. 217. 

*^) Siehe Anmerkung 50. 



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Die rechtliche Natur des Handelsrechtlichen Lieierungsgeschäfts. ^3 

Bohäften an sich die Möglichkeit gegeben ist, durch Abschluß 
eines Gegengeschäfts für das eingegangene Engagement die 
Deckung zu suchen, so ist das Börsentermingeschäft von vom« 
herein darauf angelegt, die Benutzung dieser Möglichkeit in denk- 
bar weitestem Maße zu erleichtem. Der Geschäftsinhalt hat zu 
diesem Zweck alles Individuelle abgestreift und ist auf typische 
Bedingungen zurückgeführt. Zwar macht sich auch sonst im 
Handel das Bestreben bemerkbar, im Interesse der Vereinfachung 
des Geschäftsverkehrs typische Äbschlußbedingungen zugrunde 
zu legen. Demgegenüber erhält das Börsentermingeschäft seine 
Besonderheit durch die Beziehungen zu einem bestehenden Termin- 
markt, auf dem jederzeit ein völlig gleiches Geschäft abgeschlossen 
werden kann, und auf dem sich für solche Geschäfte Preise und 
Usancen bilden, die die gleichzeitige Abwicklung großer Mengen 
von Geschäften im Wege der Überweisung und Verrechnung er- 
möglichen." 

Da der Gesetzgeber die Entscheidung über das Vorliegen 
eines Börsentermingeschäftes nicht an juristische Definitionen, 
sondern an seine wirtschaftliche Punktion knüpft, so ist es Sache 
des Nationalökonomen, auch für den Bereich des Börsengesetzes 
den BegriS des Börsentermingeschäfts zu suchen. Es ist aber gar 
nicht zweifelhaft, daß der Nationalökonom die Greschäfte des 
§ 67 als Börsentermingeschäfte ansprechen muß. 

Wir haben ausgeführt, daß unseres Erachtens die Bestimmun- 
gen des Börsengesetzes von 1908 das Börsentermingeschäft in 
Getreide für den Kreis der Pachleute wieder gestattet, und daß 
die andere Benennung nur einen Bückstand aus dem Gresetz 
von 1896 darstellt. Das Vorkommen des Börsentermingeschäfts 
ißt an der Cretreidebörse nunmehr rechtlich an die vom Bundes- 
rat genehmigten Bedingungen gebunden und kommt sonst nicht 
vor. In abweichender Porm würde sich das einzelne Geschäft 
zweifellos als Börsentermingeschäft charakterisieren, sofern es 
nur die wirtschaftlichen Charakteristika des Börsentermingeschäfts 
aufweist. Es erscheint aber fast ausgeschlossen daß solche Ab- 
weichungen vorkommen können, da für ein Börsenterminge- 
schäft eben die völlige Gleichartigkeit der Verträge erforderlich 
ist ; es müßte sich ein besonderer Markt für solche Börsentermin- 
geschäfte bilden, in dem auf Bedingungen gehandelt würde, die 
von den vom Bundesrat genehmigten abwichen. 

Leichter zu überschreiten sind die Grenzen des § 67 durch den 
Abschluß von Geschäften auf Grund der vom Bundesrat ge- 



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g4 ^^3 Börsengesetzgebung. 

nehmigten Bedingungen mit Outsidern. Diese Geschäfte wären 
zweifellos Börsentermingeschäfte und unterliegen dem Verbot. 
Wir stehen nicht an zu behaupten, daß es diese Geschäfte sind, 
auf die die Bestimmungen über das verbotene Börsentermin- 
geschäft in der Hauptsache Anwendung finden können. Die Börse 
sollte sich dieser Gefahr voll bewußt sein und sich vondenGresohäften 
mit Outsidern streng zurückhalten. 

Gegen die scharfe Erfassung solcher Börsentermingeschäfte 
durch die Rechtsprechung gibt es unseres Erachtens keinen Aus- 
weg, und man kann konstatieren, daß die Börse selbst diese Auf- 
fassung teilt. Sie ist damit zufrieden, daß ihr die Börsentermin- 
geschäfte im Kreise der Fachleute zugestanden sind, und wünscht 
selbst durchaus nicht die Wiederkehr des Börsenspiels. Dieses 
ist mit durchschlagenden Mitteln ausgeschlossen. Das Börsenspiel 
mit Outsidern ist als verbotenes Börsentermingeschäft mit Nichtig- 
keit nach § 66 BG. bedroht und unterliegt außerdem den Straf- 
bestimmungen der §§ 71 und 91; das Börsenspiel zwischen den 
Fachleuten des § 67 unterliegt nach § 68 dem verschärften Diffe- 
renzeinwand. Die Kaufmannschaft hat eingesehen, daß die 
Schäden, die vor 1896 dem Börsenterminhandel anhafteten, 
durch den Ausschluß des Outsiderspiels behoben worden sind, 
und begünstigt daher das Börsenspiel in keiner Weise. Sehr 
deutlich tritt dies darin zutage, daß die Börsenschiedsgerichte 
die Entscheidung verweigern, sobald es sich um Geschäfte handelt, 
die als Börsentermingeschäfte aufgefaßt werden können, falls 
nicht die Bedingungen des § 67 streng innegehalten sind. 

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat nach der Novelle 
von 1908 die Klausel der angemessenen Nachfrist? Wir wissen, 
sie ist in die Kontrakte des Handelsrechtlichen Lieferungsgeschäfts 
eingefügt worden, die die Freie Vereinigung der Berliner Produkten- 
börse sich zu dem Zwecke schuf, um damit die Definition des 
Börsentermingeschäfts in § 48 des Grcsetzes von 1896 zu um- 
gehen. Von landwirtschaftlicher Seite wird der Bestimmung der 
Wert zugemessen, daß sie die effektive Erfüllung der Kontrakte 
erleichtere, und man hält jede Erleichterung der effektiven Er- 
füllung für ein Gegengewicht gegen das Börsenspiel. In der 
Praxis ist die Bestimmung von sehr geringer Bedeutung. Einigen 
Wert hat sie als eine Erschwerung von Schwänzen, da im Falle 
unberechtigter Preistreibereien den Lieferungsverpflichteten eine 
längere Frist zur Erfüllung der Lieferungsverpfiichtung zur Ver- 
fügung steht. Damit wächst für den Haussier die Gefahr, die 



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Die rechtliche Natur des Handelsrechtlichen Liefernngsgeschäfts. 35 

einen Corner häufig scheitern läßt, daß er bei der Verwertung der 
Warenmassen, die ihm zur Verfügung gestellt werden, mehr ver- 
liert, als die Haussebewegung bis zum Ultimo ihm eingebracht 
hat. Ihre Existenz aber verdankt die Bestimmung dem Kompromiß- 
charakter, den alle Bestimmungen der Novelle aufweisen: sie 
will im Sinne derer, die an ihr festhalten, das Börsentermingeschäft 
in die Formen der eflEektiven Lieferungsgeschäfte einzwängen, 
über die es längst hinausgewachsen ist. 

Die Börsenkaufleute machen untereinander von dem Recht 
der angemessenen Nachfrist keinen Gebrauch. Es ist daraus die 
Folgerung gezogen worden, daß infolgedessen die diesbezügliche 
Bestimmung des § 67 B6. nicht innegehalten sei und die Handels- 
rechtlichen Lieferungsgeschäfte daher in Wirklichkeit als verbotene 
Börsentermingeschäfte geschlossen würden. Der Verzieht auf 
die Nachfristforderung wird dabei auf eine stillschweigende 
Verabredung, eine ungeschriebene Satzung zurückgeführt*^). 
Diese Annahme ist ganz grundlos. Es bedarf gar nicht einer solchen 
Satzung, um den Verzicht auf dieses durch das Gesetz eingeräumte 
Recht herbeizuführen. Wir haben bereits an früherer Stelle aus- 
geführt, daß ein Termingeschäft stets als Fixgeschäft geschlossen 
werden muß, da am Terminmarkt jederzeit die Möglichkeit ge- 
geben ist, allen seinen Verpflichtungen durch ein Gegengeschäft 
nachzukommen, so daß von einer unverschuldeten Verzögerung 
der Erfüllungsbereitschaft nicht die Rede sein kann. In anderen 
Fällen aber eine Nachfrist zu verlangen, widerstreitet dem scharfen 
Gesetz der Börsenehre. Außerdem gehört, abgesehen von den 
Ausnahmsfällen des Corners, der Wille zur Schikane dazu, die 
Nachfrist zu verlangen. Denn ein wirtschaftlicher Vorteil er- 
wächst dem säumigen Teil aus der Nachfrist kaum, da er für den 
durch die Verzögerung der Erfüllung dem nicht säumigen Teil 
erwachsenen Schaden Schadensersatz zu leisten hat**). 

Diese Bestimmung des Gesetzgebers bleibt daher wirkungslos 
wie alle früheren Gesetze, die in Unkenntnis des Terminhandels 
und seiner Bedürfnisse erlassen waren; sie bringt vielmehr nur 
die nicht gewollte Wirkung, daß außerhalb der Börse das kauf- 
männische Pflichtgefühl verringert wird. Wiederholt ist seitens 
der Provinzkundschaft die Nachfrist beansprucht worden. Das 



**) Nußbaum: Kommentar Abschnitt 4, Vorbemerkung zu Absatz 57. 
•») Vgl. Nußbaum in Goldschmidts Zeitschrift a. a. O. S. 432, 
dagegen noch nicht in seinem Kommentar, S. 235. 

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3Q Die Börsengesetzgebung. 

trifiFt aber nur den Kommissionär des Provinzhändlers, den 
Bdrsenterminhandel berührt es nicht; denn der Kommissionär, 
der als Selbstkontrahent nach beiden Seiten hin auftritt, wird 
seinerseits seinen Verpflichtungen an der Börse pünktlich nach- 
kommen. 

h) Das Ergebnis der Beiehsbörsengesetzgebimg. 

Überblicken wir noch einmal kurz die Veränderung, die der 
Bdrsenterminhandel in Getreide seit 1892 erlitten hat, so ist das 
Resultat im wesentlichen als gut zu bezeichnen, wenn auch der 
Weg, der zu diesem Ergebnis geführt hat, ein weiter, höchst 
überflüssiger Umweg gewesen ist. Aber das Ziel der Gesetz- 
gebung ist erreicht, das Börsenspiel und mit ihm die spielmäßigen 
Preistreibereien sind fast vollkommen beseitigt. 

Die Regelung des Difierenzeinwandes ist allerdings ver- 
fehlt, auch das Erfordernis der angemessenen Nachfrist erscheint 
zum mindesten als überflüssig. Doch sind wesentliche Schädigun- 
gen durch diese Mängel hoffentlich nicht zu befürchten. Deshalb 
darf man sagen, daß die Bestimmungen für das Börsentermin- 
geschäft in Getreide in ihrem Grundzuge vorbildlich für alle 
Warenterminbörsen sein könnten. Die Beschränkung des Börsen- 
terminhandels auf den Kreis der Fachinteressenten läßt für den 
berechtigten und notwendigen Terminhandel Spielraum genug. 
Andererseits bringt die Zulassung des Difierenzeinwandes unter den 
Fachinteressenten nicht diejenigen Schädigungen mit sich, die 
sich sonst mit der Zulassung des Difierenzeinwandes einzustellen 
pflegen, da es sich hier um einen geschlossenen Personenkreis 
handelt, innerhalb dessen höchst selten von diesem Rechte Ge- 
brauch gemacht wird. 

Man darf sich daher wohl der Hoffnung hingeben, daß der 
Getreideterminhandel in der Form des Handelsrechtlichen Lie- 
ferungsgeschäfts einer gesunden Entwicklung entgegengeht. 



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Emil Meyer: Berichte über den Weizen-, Boggen- und Spiritushandel 
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Materialien zur Börsengesetzgebung des Deutschen Reiches. 



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Lebenslauf. 

Ich, Walter Georg Pinner, bin am 18. März 1891 zu 
Kosten (Prov. Posen) geboren als zweiter Sohn des Justizrats 
Sigismund Pinner und seiner Frau Elisabeth geb. Bernstein. 
Ich bin preußischer Staatsangehöriger und Jude. Meine Schul- 
bildung erhielt ich in der ev. Volksschule und der höheren Knaben- 
schule zu Kosten, dem Gjmanasium in Lassa und dem KöUnischen 
Gymnasium in Berlin. Das Abiturientenexamen bestand ich 
Ostern 1909. 

Bis Ostern 1910 war ich in Hamburg in einem Getreide- 
geschäft tätig und bezog dann die Universität. Ich studierte 
Staatswissenschaften, insbesondere Nationalökonomie, in Berlin, 
Heidelberg und Halle. Während dieser Zeit hörte ich Vorlesungen 
und Übungen bei den Herren Professoren und Privatdozenten 
Anschütz, Ballod, Bernhard, Bortkiewicz, Breysig, Brodnitz, 
Conrad, Fritsch, Gierke, Gothein, Heilfron, Hintze, Höniger, 
Jastrow, Leitner, liszt, Martitz, Menzer, Obst, Oncken, Fr. Oppen- 
heimer, Biehl, Rießer, Schär, Sering, Schmoller, Simmel, Vier- 
kandt, Wagner und Alfr. Weber. Das Rigorosum bestand ich am 
18. November 1913. 

Allen meinen Lehrern, besonders Herrn Dr. Franz Oppen- 
heimer und Herrn Geheimrat Conrad, spreche ich meinen er- 
gebensten Dank aus. Zu ganz speziellem Danke bin ich Herrn 
Geheimrat Conrad für die Anregung zu dieser Arbeit verpflichtet. 



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